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Matthias Schweighöfer in „Russendisko“ im Kino

Russendisko

Als Wladimir Kaminer im Jahr 2000 seinen Episodenband „Russendisko“ veröffentlichte, war Berlins Zentrum längst in weiten Teilen chic saniert und bevölkert von zugezogenen Selbstverwirklichern. Doch fanden sich auch noch reichlich Überreste jener wilden Zeit der Wendejahre und ihres Anarcho-Geistes, den Partymacher und Autor Kaminer in seinem Bestseller aus der Insider-Perspektive eingefangen hatte.
Spät folgt 2012 nun die Film­adaption – eine Art Rückblick auf Kaminers Rückblick. Entsprechend nostalgisch sieht der Film mit
Matthias Schweighöfer in der Rolle des Wladimir Kaminer aus. Die Geschichte führt von einem illustren Schauplatz zum nächsten: in abgerockte Fabrikhöfe, in denen die junge Bohиme Partys macht oder auf ranzigen Ledersofas chillt, auf staubige Plätze, auf denen Mauerspechte Souvenirs aus dem Beton klopfen, an die Tresen alter DDR-Kneipen mit vergilbten Tapeten.
Kaminers Vorlage brachte vor allem ein Lebensgefühl um skurrile Freiräume zum Ausdruck, wie etwa die titelgebende Partyreihe des heutigen Autorenstars. Diese besondere Atmosphäre versucht Drehbuchautor und Regisseur Oliver Ziegenbalg in eine filmische Handlung zu übertragen, in einen Plot, den es in dem episodisch gegliederten Buch freilich nicht gibt. Dazu schickt
Ziegenbalg ein frisch nach Ostberlin eingereistes Moskauer Freundestrio auf eine Glückssuche im neuerdings kreativen Wende-Wunderland. Eine romantische Ebene kommt hinzu durch ein weibliches Trio um die Tänzerin Olga (Peri Baumeister), die rasch Wladimirs Herz erobert.
Durch die Besetzung mit Schweighöfer in der Hauptrolle ergeben sich zwangsläufig Ähnlichkeiten mit den romantischen Komödien des Stars wie „What A Man“ und „Rubbeldiekatz“. Der Publikumsliebling spielt seinen Protagonisten denn auch als Zwilling seiner tapsigen, allzeit gut gelaunten Mädchenschwarm-Stammfigur. Dem akzentfrei sprechenden Blondschopf einen Hintergrund als Spross einer russisch-jüdischen Familie aus der Sowjetunion abzunehmen, ist kaum möglich – daran ändern auch Kostüm-Dreingaben wie Schlapphut und Flohmarkt-Jackett wenig. Mehr Potenzial bergen da schon die Nebenfiguren: Friedrich Mücke als Musiker Mischa, dem die Abschiebung nach Moskau droht, und Christian Friedel als Andrej, den Heimweh plagt. In ihnen deutet sich zumindest die Möglichkeit an, tiefer vorzudringen in die Gefühlssituation einer jungen russischen Generation, die zwischen dem zusammenbrechenden Land der Eltern und einem diffusen Aufbruch steckt.
So betrachtet bleibt „Russendisko“ mit Kaminer/Schweighöfer bei der uninteressantesten Figur des Trios – und deren Lovestory. Als solche reiht sie sich ein als weniger einprägsames Exemplar in Schweighöfers Standardware. Was allenfalls für eingefleischte Fans eine gute Nachricht ist.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Stephan Rabold

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Russendisko“ im Kino in Berlin

Russendisko, Deutschland 2012; Regie: Oliver Ziegenbalg; Darsteller: Matthias Schweighöfer (Wladimir Kaminer), Friedrich Mücke (Mischa), Christian Friedel (Andrej); 100 Minuten; FSK 6

Kinostart: 29. März

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