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„Meek\s Cutoff“ im Kino

Meek's Cutoff

Wir werden nie wirklich wissen, wie es war, als Menschen im 19. Jahrhundert in Nordamerika sich auf den Weg in den „Wilden“ Westen machten – meist nur ein, zwei Pferde oder Ochsen, eine Kuh und einen Planwagen dabei, ohne Landkarte und ohne lokale Sprachkenntnisse. Im klassischen Western wurden diese modernen Probleme der Orientierung und der Verständigung meistens ignoriert – sie passten nicht in die mythische Landschaft. In Kelly Rei­chardts modernem Western „Meek’s Cutoff“ bekommen wir nun ein sehr konkretes, man könnte fast sagen: lebensnahes Bild von einem solchen Treck nach Westen.
Drei Familien sind im Jahr 1845 unterwegs in Oregon. Die Landschaft ist reizvoll in ihrer Kargheit, aber das ist schon eine heutige Sichtweise. Für die „Pioniere“ stellt sie nicht viel mehr als eine eintönige Abfolge von Hügeln und Tälern da, in denen es zudem schwierig ist, ausreichend Wasser zu finden. Zum Glück haben sich die Tetherows, die Gateleys und die Whites eines Führers versichert, der weiß, wo es langgeht: Stephen Meek (Bruce Greenwood), ein ungehobelter, zotteliger Westmann ganz nach Klischee, kennt sogar eine Abkürzung. Danach ist der Film benannt: „Meek’s Cutoff“.
Dummerweise scheint Meek ein Hochstapler zu sein. Seine Route führt nirgendwohin, und bald geht es darum, ob es Sinn macht, weiter auf diesen Aufschneider und Fabulierer zu hören, oder sich in der leeren Landschaft auf eigene Faust voranzubewegen. Just in die­ser Situation lässt Kelly Reichardt einen „Indianer“ auftauchen, einen Mann aus der Gegend, der eine unverständliche Sprache spricht, und dem sofort die Vorurteile entgegenschlagen, die fromme Amerikaner damals wohl tatsächlich vielfach hatten.
Er kennt allerdings die Gegend, und so entsteht ein mehrfaches Spannungsverhältnis innerhalb dieser kleinen Gesellschaft: Die Frauen haben Angst vor dem Indianer, sie misstrauen aber auch Meek; die Männer sind mit ihrer Verantwortung fast ein wenig überfordert, können das aber natürlich nicht zugeben. Es sind existenzielle Fragen, die in „Meek’s Cutoff“ verhandelt werden. Zugleich aber ist der vierte Langfilm von einer der interessantesten amerikanischen Filmemacherinnen eine Beschäftigung mit dem Genre des Westerns, und auch auf dieser Ebene bietet „Meek’s Cutoff“ eine Menge kluger Entscheidungen und relevanter Details. Das Ergebnis ist ein vielleicht ein wenig spröder, aber in jeder Sekunde spannender Film mit tollen Schauspielern.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Peripher Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Meek’s Cutoff“ im Kino in Berlin

Meek’s Cutoff, USA 2010; Regie: Kelly Reichardt; Darsteller: Michelle Williams (Emily Tetherow), Bruce Greenwood (Stephen Meek), Will Patton (Soloman Tetherow); 102 Minuten; FSK 6

Kinostart: 10. November

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