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Dialogdrama

„Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ im Kino

Der Mensch ist die offene Stelle im Sein“, heißt es an einer Stelle von Philip ­Grönings Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“. Die einzige Möglichkeit, diese offene Stelle zu schließen, ist der Tod. Besser aber, man lässt sie offen, denn nur so erfährt man ein bisschen mehr über dieses geheimnisvolle Leben, dessen allgemeinste Eigenschaft eben die ist, dass es ist: ohne Sein keine Zeit, ohne Zeit kein Bewusstsein, ohne Bewusstsein keine Sprache, ohne Sprache kein Denken. Ohne Denken kein Kino.

Philip Gröning Filmproduktion

Philip Gröning setzt in seinem dreistündigen, nicht eben ereignisreichen Film ziemlich grundsätzlich an. Zwei junge ­Leute, beide im Reifeprüfungsalter, sind die ­Helden: Robert und seine Schwester Elena. Die beiden hängen sehr aneinander, es gibt aber auch eine Arbeitsteilung. Elena stellt die ­Fragen, Robert hat zwar keine Antworten, aber er kann gut mit philosophischen ­Zitaten ­spielen. „Eine Gegenwart ohne Dauer ist ­reine Panik.“ Elena soll in ein paar Tagen ihr Abi machen, sie hat Philosophie als Fach gewählt. Dafür könnte sie pauken, aber das wäre unphilosophisch. So richtig zu denken lernen kann sie aber auch nicht, dafür ist sie zu zappelig. Denn in diesem Alter (Julia Zange spielt eine 18-Jährige) geht es auch noch um andere Erfahrungen. Elena will an diesem Wochenende auch Sex haben, früher als ihr Bruder und nicht mit ihm, obwohl er eindeutig ihre erste Wahl wäre. Da der Film im Wesentlichen an einer Tankstelle (und in den umliegenden Feldern und Wäldern) spielt, kommen genügend Kandidaten vorbei. Elena lupft auch gelegentlich ihren Rock und genießt es auf eine kokette Weise, wenn ­jemand auf ihren Arsch starrt. Aber die meisten Passanten an der Tankstelle werden durch die aufsässigen Spiele der schrecklichen ­Geschwister schnell vertrieben.

Philip Gröning hat sich in seinen früheren Filmen auch schon für die ganz großen ­Fragen interessiert, und er hat eine Vorliebe für Formen, in denen die Zeit ein Thema ist – zum Beispiel durch das gleichmäßige ­Leben der Mönche in seinem Dokumentarfilm „Die große Stille“, oder durch das Zeitmaß der nördlichen Natur, das in seinem Familiendrama „Die Frau des Polizisten“ alles zu bestimmen scheint.

In „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ lässt er nun Robert (Josef Mattes) viel über die Zeit schwadronieren (der bedient sich dabei vor allem bei Augustinus), am Ende hält auch Elena ein Referat, das den ganzen Film in ein neues Licht rücken ­könnte.

Leider ist zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich die Luft raus. Denn Gröning lässt seine beiden Figuren zwar in einer Lichtung auf das Sein warten (oder auf eine Zeit, die nicht bloß vergeht). Aber letztlich fehlt „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ etwas Entscheidendes: Da seine beiden Hauptfiguren zwei Prachtexemplare der – mit Heidegger gesprochen – Uneigentlichkeit sind, müsste Gröning als Regisseur eine Spannung schaffen, aus der so etwas wie ein besonderer Moment entstehen könnte. Etwas, was den leeren Fluss der Zeit unterbricht.

Stattdessen wiederholt ­Gröning als Erzähler einfach die Launen seiner beiden Kinder. Er spuckt gleichsam mit ihnen Kerne ins Wasser und hält die Kräuselwellen für Wahrheitszeichen. Von der Melodie des Lebens, von der Elena am Ende pathetisch spricht, weiß der Film nicht viel mehr als ein paar schrille Akkorde.

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot D/F/CH 2018, 172 Min., R: Philip Gröning, D: Julia Zange, Josef Mattes, Urs Jucker, Stefan Konarske, Start: 22.11.

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