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„Mein Kampf“ im Kino

mein_kampfAdolf Hitler war eine verkrachte Existenz. Das haben die Biografien inzwischen zur Genüge dargestellt. Vor allem die Zeit in Wien, als der nachmalige „Führer“ des „Dritten Reiches“ noch ein Gesicht in der Menge war, ein anonymer Obdachloser mit einem Hang zum Größenwahn, wurde immer wieder als prägende Phase interpretiert. Hier fand Hitler zum ersten Mal ein Publikum für seine Reden, hier konnte er in der antisemitisch geprägten politischen Landschaft zum ersten Mal die Ressentimentstrukturen studieren, auf denen dann viele seiner „Lösungen“ beruhen sollten. In Wien scheiterte Hitler als Künstler, der er werden wollte, und er wurde als Demagoge wiedergeboren.

Kein Historiker konnte diese Geschichte allerdings jemals so pointiert, ja auf die Spitze getrieben darstellen wie der Theatermacher und Autor George Tabori, der 1987 in einem Stück aufschrieb, wie er sich die Wiener Zeit von Adolf Hitler vorstellte: „Mein Kampf“ trägt als Genrebezeichnung völlig zutreffend den Untertitel einer Farce. Mit Ignaz Kirchner und Tabori selbst in der Hauptrolle hatte das Stück 1987 im Akademietheater in Wien seine Uraufführung und wurde seither viele Male inszeniert, aber es hat über zwanzig Jahre gedauert, bis jemand daraus einen Film gemacht hat – vermutlich war das erst nach dem Tod von Tabori im Jahr 2007 denkbar, denn er war selbst so intensiv mit diesem Stück und seinem sarkastischen Geschichtsverständnis verbunden, dass es beinahe den Anschein hatte, er könnte es persönlich vor einer Vereinnahmung durch die Hitler-Modewelle in Film und Fernsehen schützen.

Nun aber kommt die Verfilmung von „Mein Kampf“ durch Urs Odermatt zu einer Zeit, da zu Hitler mehr oder weniger wirklich alles (und noch viel mehr) gesagt ist, und eine jüdisch-selbstreflexive Deutung wie die von Tabori in ihrer Brisanz schon fast nicht mehr erkennbar ist. Denn worauf diese Farce hinausläuft, das ist im Grunde eine ironisch-resignative Einsicht: dass Hitler nicht zu verhindern war, ja, dass er letztendlich bei Tabori durch hilfsbereite und lebensbejahende Juden erst so richtig auf seinen Weg gebracht wurde.

„Mein Kampf“ ist auch eine grimmige Satire darauf, dass dem österreichischen Halbgebildeten Adolf Hitler das Buch als Medium gewissermaßen aus den Händen der jüdischen Intelligenz übergeben werden musste, auf dass er es mit seinem programmatischen Werk gleichen Titels auf alle Zeiten entehren konnte. Die entscheidende Figur in diesem Zusammenhang ist Shlomo Herzl, auch er eine verkrachte Existenz, dabei aber ein großer Erzähler, der im Männerheim in der Blutgasse (!), in dem auch Hitler sich einquartiert, so etwas wie die Integrationsfigur ist. Herzl ist die Rolle für Götz George, er spielt die Hauptfigur, während der von Tom Schilling gespielte Hitler die Nebenfigur ist, deren Ironie gerade darin liegt, dass zu Beginn schon alle wissen (nur Herzl nicht), dass Hitler historisch gesehen die Hauptfigur werden wird. Eine der ersten Ideen, die Herzl für ihn hat, betrifft denn auch seinen Bart, den er ihm persöhnlich in die Façon schneidet, in der ihn nun alle Welt kennt. Dieses Missverhältnis, dass man sich in geschichtlicher Perspektive bei dem Kandidaten für die Wiener Kunstakademie und selbst noch später bei dem Münchner Wirtshausredner kaum vorstellen kann, dass er Weltgeschichte schreiben sollte, haben auch Filmemacher immer wieder bearbeitet (am radikalsten und besten wohl Romuald Karmakar 1985 in „Eine Freundschaft in Deutschland“). Bei Tabori aber steht diese Absurdität, dieser Aufstieg gegen jede Wahrscheinlichkeit, schon grundsätzlich im Zeichen der Shoah, die ja auch völlig undenkbar war – und trotzdem geschah.

Das Theater ist deswegen der richtige Ort für „Mein Kampf“, weil es eher um Ideen geht als um faktische Plausibilität. Die Verfilmung leidet also von Beginn an unter einer Überdosis Patina, denn Odermatt setzt alles gleich in einen Farbcode, der uns „historisch“ einstellen soll, und zu dem dann auch die ausgesuchten Drehorte passen, an denen man sich einen Fabulierjuden wie Shlomo Herzl vorstellen kann. Dass dazu die Klischees von der Wiener Morbidität gut passen, arbeitet dem ganz auf Äußerlichkeiten setzenden Konzept dieser Verfilmung zu. Der entscheidende Mangel aber ist wohl der, dass weder Odermatt noch Götz George das Genre der Farce wirklich ernst nehmen – stattdessen sehen wir einen langatmigen Geschichtsfilm mit ominösen Details, in dem eines der schwächsten Motive (die Rivalität der beiden Männer um das blonde Mädchen Gretchen) zu jener Prominenz kommt, die das typische dramaturgische Einmaleins verrät. „Mein Kampf“ erzählt das Drama einer Enteignung (und Perversion) von Ideen – unter dieser Voraussetzung hätte man eigentlich wissen können, dass eine Verfilmung an den Ideen von George Tabori gemessen werden muss, die Urs Odermatt nur bebildert, nicht aber erschließt.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Mein Kampf“ im Kino in Berlin

Mein Kampf Deutschland/Österreich/Schweiz 2008; Regie: Urs Odermatt; Darsteller: Tom Schilling (Adolf Hitler), Götz George (Shlomo Herzl), Wolf Bachofner (Himmlischst); 110 Minuten; FSK 12

Kinostart: 3. März

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