Familiendrama

„Meine glückliche Familie“ im Kino

Das eigene Leben opfern: In „Meine glückliche Familie“ wird für eine Lehrerin das Zuhause zum Gefängnis

Foto: Zorro Film

Eines Tages hat Manana (Ia Shugliashvili) einfach die Nase voll. Man hat es kommen sehen im Alltag der 52-jährigen Lehrerin, die als Ehefrau und Mutter mit ihren Eltern, dem Mann und den ­bereits erwachsenen Kindern in einer Dreizimmerwohnung in Tiflis lebt. Die Kamera folgt ihr in dem liebevollen Familien- und Emanzipationsdrama ganz nah durch den Alltag, macht die Räume noch zusätzlich eng in einem Gewusel, in dem alle unentwegt ­reden, schimpfen und nicht zuhören. Es ist nicht wirklich schlimm, aber ein Hort jener eingeschliffenen Gedankenlosigkeit, die einem furchtbar auf die Nerven fallen kann: Tu dies, mach das, kannst du mir mal eben … Manana erlebt das Familienleben zusehends wie eine Dienstmagd: Auf der einen Seite schwingt noch immer ihre ­dominante Mutter Lamara (Berta Khapava) das Zepter, auf der ­anderen Seite entwickeln ihre eigenen Kinder auch keine Selbstständigkeit. Die Privatsphäre geht gegen Null, und Mananas Wünsche und Interessen spielen keine Rolle.

Das georgisch-deutsche Regieduo Nana Ekvtimishvili und ­Simon Groß verdeutlicht dies explizit in einer Sequenz, in der sich alles um Mananas Geburtstag dreht: Obwohl sie klar gemacht hatte, dass sie den Tag gern allein und in Ruhe verbringen möchte, ist die Wohnung am Ende voll von Leuten, die sie nicht eingeladen hat: Nachbarn, die ein Ständchen bringen, Verwandte, die mit Kind und Kegel, Nichten und Neffen aufkreuzen. Und Manana soll bei all den Gästen, die es ja so gut meinen und gar nicht wieder gehen ­wollen, stets ein frohes Gesicht machen und dankbar sein – denn was sollen die sonst denken. Dass ihr nicht danach ist, versteht niemand.
Und dann ist Manana weg. Sie mietet eine eigene Wohnung, etwas Bezahlbares in einem Stadtviertel, über das die Verwandten eher die Nase rümpfen. Doch Manana lässt sich nicht beirren, vertritt ihre Sache mit sanfter Beharrlichkeit, ohne der Familie für ihren Auszug überhaupt einen Grund zu liefern. Doch als Zuschauer hat man den längst erkannt, zumal, wenn die Lehrerin schließlich bei offenem Fenster in ihrem neuen Domizil sitzt: Der Raum hat sich geöffnet, von draußen hört man das Rauschen der Bäume im Sommerwind, es ist Zeit durchzuatmen.

Zwar verlässt Manana die Familienwohnung, doch sie lässt ihre ­Familie nicht im Stich: Sie bleibt weiterhin Ansprechpartnerin, kommt bei größeren Problemen manchmal auch zurück – um dann entschlossen wieder zu gehen in dieses neue, unspektakuläre, aber eigene Leben. Auf Verständnis stößt sie bei ihrer Familie nicht: „Du hast doch alles“, „Ich habe mich für dich aufgeopfert“ und „Was sollen die Leute denken?“, jammert die Mutter, und Mananas Bruder, ganz Familienpatriarch, kungelt hinter ihrem Rücken mit Kumpels aus, dass diese auf die Schwester „aufpassen“. Was natürlich bedeutet, dass Manana keinen Herrenbesuch empfangen soll und irgendwann zu der absurden ­Situation führt, dass die „besorgten“ Nachbarn beinahe Mananas ­eigenen Mann Soso (Merab Ninidze) durch die Mangel drehen.

Gegen die Traditionen einer weitgehend patriarchalischen ­Gesellschaft anzukommen, ist nicht leicht, zumal sich die Bevormundung hier hinter einem „Wohlmeinen“ versteckt, an dessen Ehrlichkeit man vielleicht noch nicht einmal Zweifel haben muss. Umso wichtiger ist Mananas späte Erkenntnis, dass es auch für sie ein selbstständiges Leben gibt, das sie mit der ihr eigenen Entschlossenheit verteidigt. Und wenn man sie am Ende mit ihrem Mann in ihrer Wohnung sitzen sieht, dann bekommt man den Eindruck, dass die Geschichte auch für die beiden hätte gut ausgehen können: mit etwas mehr Zeit für Gespräche und für eine Zweisamkeit, die nie vorhanden war.

Meine glückliche Familie D/F/Georgien 2016, 120 Min., R: Nana Ekvtimishvili & Simon Groß, D: Ia Shugliashvili, Merab Ninidze, Berta Khapava, Tsisia Kumsishvili, Start: 13.7.

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