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„Meine keine Familie“ im Kino

Meine keine Familie

Ekstase entsteht üblicherweise nicht auf Befehl. Doch in der aktionsanalytischen Kommune auf dem Friedrichshof im Burgenland gab es einen allmächtigen Chef, der von sich glaubte, er könnte sogar Ekstase herbeizitieren: der Künstler Otto Mühl. Die Kinder, denen er auf diese Weise zu einem vermeintlich freieren Leben verhelfen wollte, sind bis heute von dem Sozialexperiment gezeichnet, in das ihre Eltern sie da gestürzt hatten. Sie waren sich der Auswirkungen häufig nicht bewusst, oder aber sie waren gar nicht da, wie es bei der Mutter von Paul-Julien Robert der Fall war, die in den Siebzigerjahren auf den Friedrichshof gekommen war und später wieder nach Zürich geschickt wurde, um Geld für die Kommune zu verdienen.
Der kleine Sohn, der keine väterliche Bezugsperson hatte, blieb zurück, verloren in einem Kollektiv, in dem von kindlicher Freiheit keine Rede sein konnte. Stattdessen gaben die Erwachsenen den Druck, den sie sich bei ihren Selbstfindungsversuchen und dem sexuellem Freisein auferlegten, an die Kinder weiter.
1991 löste sich die Kommune auf, zurück blieben eine Immobilie, eine Menge Film- und Videomaterial und eine versprengte Schar traumatisierter junger Menschen, von denen nicht wenige sich an die Aufarbeitung des Erlebten machten. Paul-Julien Robert wählte für seinen Film „Meine keine Familie“ einen nahe liegenden Zugang: Er begann, seine Mutter zu befragen. Dann wandte er sich seinen möglichen Vätern zu, von denen einer nicht mehr da ist – er nahm sich noch während der Kommunenzeit das Leben.
Meine keine FamilieDie Recherche führt nach Gomera, wo die Kommune damals eine Außenstelle errichtet hatte; nach Berlin, wo Freunde und einer der „Väter“ leben; und in die Schweiz, wo die Familie mütterlicherseits von Paul-Julien Robert lebt. Vor allem aber führt sie anhand der Videodokumente zurück in die Zeit, in der der Filmemacher ein kleines Kind war. Die Kommune war offiziell basisdemokratisch verfasst, de facto war sie aber von einer starken Hierarchie geprägt. Otto Mühl und seine „erste Frau“ standen an der Spitze der Rangordnung, und das bedeutete auch, dass sie die jungen Mitglieder in die Sexualität einführten.
Ein wichtiges Element des gruppendynamischen Prozesses war die abendliche „Darstellung“. Dabei wurden Leute in die Mitte gebeten und mussten dann vor versammelter Runde ihre Probleme (in der Regel mit dem Elternhaus) in Szene setzen. Auf diese Weise sollten Körper und Geist frei werden, im Spiel wurde die hemmende Geschichte abgestreift. So war zumindest das Programm. Otto Mühl, der bis heute als wichtiger künstlerischer Vertreter des Aktionismus gilt, erscheint in diesen Aufnahmen als lächerlicher Despot, von dem eine Freundin des Filmemachers ganz klar sagt: „Macht wird immer gegeben“. Die Kommune war eigentlich ein Unterordnungsverein, sie gab Leuten, die nicht konform sein wollten, eine Gelegenheit, ihre Anpassungslust auf eine Weise auszuleben, die ihnen progressiv erscheinen konnte.
Es gibt einige furchtbare Szenen in „Meine keine Familie“, insgesamt aber überwiegt ein Eindruck therapeutischer Klarheit: Von der psychischen und teils auch körperlichen Tortur, vom sexuellen Missbrauch (dem Paul-Julien Robert selbst knapp entging) bleibt in „Meine keine Familie“ nicht so sehr Ressentiment als Reflexion – und ein Gefühl von Tapferkeit. Eine Tapferkeit, die sogar die bizarre Bitte um Verzeihung übersteht, mit der ehemalige Kommunarden sich 2011 an die Kinder von damals wandten. Die Mutter von Paul-Julien Robert reagiert auf ihre Weise angemessen: Sie bekommt einen „Blackout“. Der Sohn aber blickt dem Trauma ins Gesicht. Es ist sein eigenes, vor vielen Jahren.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Mindjazz Pictures

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Meine keine Familie“ im Kino in Berlin

Meine keine Familie, ?Österreich 2012; Regie: Paul-Julien Robert; ?93 Minuten; FSK 12

Kinostart: 24. Oktober

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