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„Mia Madre“ im Kino

Mia Madre

Nanni Moretti hat in seinen Filmen das Private, das Berufliche und die Politik stets zusammengedacht. In seinen inszenierten „Tagebuch“-Dokumentationen, die ihn in den 1990er Jahren auch bei uns populär machten, düste er als er selbst auf dem Motorroller durch Rom, verplante das Leben seines noch ungeborenen Kindes und verzweifelte in seiner Position als linker Intellektueller an der italienischen Realität von Berlusconi und Lega Nord. Ein wenig heitere Selbstbespiegelung steckte darin, vor allem aber auch viel ernste Selbstbefragung: Woher komme ich, wo stehe ich, tue ich genug? In den letzten Jahren ist Moretti das Private etwas wichtiger geworden, die Selbstbefragung aber ist geblieben.
Sein jüngster Film, das reflexive Drama „Mia Madre“, ist von den Erfahrungen mit dem Tod seiner eigenen Mutter inspiriert, und obwohl er in einer Nebenrolle auch selbst mitspielt, darf man als Morettis Alter Ego eher die Regisseurin Margherita (Margherita Buy) betrachten, die gerade mit den Dreharbeiten zu einem neuen politischen Film beschäftigt ist. Doch die laufen momentan ebenso schlecht wie das familiäre Leben, in dem vor allem ein Ereignis herausragt: Ihre Mutter ist ins Krankenhaus gekommen. Dass die alte Dame mit der Herzschwäche das Spital nicht mehr ?lebend verlassen wird, dämmert ihr nur langsam, mit der Zeit aber immer eindringlicher.
Moretti schickt Margherita in ein sorgsam verwobenes Geflecht aus Realität, Träumen, Fantasien und Erinnerungen, aus denen sich immer wieder dieselbe Frage herauskristallisiert: Habe ich mir genügend Zeit genommen und mich genügend gekümmert? Zumal ihr sanfter Bruder Giovanni (Moretti), der immer Zeit zu haben scheint, als ihr unbeabsichtigt schlechtes Gewissen stets am Krankenbett sitzt.
„Mia Madre“ verdeutlicht eindringlich das Gefühl des Verlustes von Gewissheiten und der damit einhergehenden Selbstreflexion, die letztlich nur mit den Gedanken an die Zukunft verscheucht werden können. Als die todkranke Mutter einmal gefragt wird, woran sie denkt, antwortet sie: „An morgen.“

Text: Lars Penning

Foto: © Alberto Novelli

Orte und Zeiten: „Mia Madre“ im Kino in Berlin

Mia Madre, Italien/Frankreich 2015; Regie: Nanni Moretti; Darsteller: Margherita Buy (Margherita), John Turturro (Barry Huggins), Giulia Lazzarini (Ada); 107 Minuten

Kinostart: Do, 19. November 2015

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