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Michael Hanekes „Liebe“ hat die Goldene Palme gewonnen

Liebe_von_MichaelHanekeDie Eingangssequenz, in der die Polizei die Eingangstür einer bürgerlichen Wohnung in Paris aufbricht, lässt keinen Zweifel, welches Ende die Geschichte nehmen wird. Im Schlafzimmer liegt der sorgsam aufgebahrte, abgemagerte Körper einer Frau inmitten von Blüten, die jemand zärtlich auf das Bett gestreut hat. Die Türen sind abgeklebt, ein strenger Verwesungsgeruch liegt in der Luft.

Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) haben in dieser Wohnung Jahrzehnte gelebt, Musikprofessoren, inmitten ihrer Bücher, CDs und Erinnerungen. Im Wohnzimmer steht der Flügel, an dem Starpianisten großgezogen wurden. Mit Ausnahme einer kleinen Szene spielt der gesamte Film im Appartement des Paares, in das Anne nach einem Schlaganfall und einer missglückten Operation zurückgekehrt ist.  
„Was jetzt werden soll?“, wird Georges nach ein paar Monaten seine geschäftige Tochter (Isabelle Huppert) hart zurückfragen, die für einen kurzen Besuch gekommen ist. „Es wird immer schlechter werden – und dann geht es zu Ende“.

Hanekes Film ist trotz und wegen dieser Nüchternheit die Geschichte einer großen Liebe
, die dem, was da kommt, – mit allen Konsequenzen – ziemlich direkt ins Auge sieht. Der Gewaltmoment, auf den der dritte Akt des Films zusteuert, ist ein Zeichen der Liebe, nicht ihrer Abwesenheit. Doch der Weg dahin läuft nicht gerade: Haneke, der hier die Kinolegenden Trintignant („Der Konformist“), 81, und Riva („Hiroshima Mon Amour“), 85, aus dem Kinoruhestand holt, spielt nebenbei auch mit Alptraumsequenzen und Elementen des Horrorfilms, der beginnt als Anne ihren Schlaganfall hat. Für einen großartigen gedehnten Augenblick ist danach erst einmal nicht deutlich, wessen Wahrnehmung gestört ist, die der Frau, die am Frühstückstisch sitzt, als wäre nichts gewesen, oder die des alarmierten Mannes, der im Begriff ist die Ambulanz zu holen. Die Wahrheit, die in dieser kleinen Szene steckt, ist, dass nicht klar ist, für wen der Schrecken größer sein wird. Hanekes Film ist danach immer beides: Beschwörung einer in kühlen Formen eingeübten der Nähe und Geschichte des Verfalls.  
Trintignant und Riva spielen das ohne jede Schonung, und man merkt, dass die Qual, die sie dabei darstellen, sie selbst berührt: „Ich hoffe, das werde niemals ich“, sagte Riva bei der Pressekonferenz.

Die Ärzte, das Krankenhaus hat Haneke bewusst ausgespart, um stattdessen in seinem Kammerspiel nach einem fast theatralen Beginn die Transformationen der Beziehung seiner Helden durch die Krankheit zu zeigen: ihre lebenslange Nähe kann auch noch den Tod oder einen Mord in einen Akt der Liebe verwandeln.           

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Sony Pictures Classics

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