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Michael Moore im Interview

„Wer kann sich Kapitalismus eigentlich noch leisten?“ – Wir haben mit dem 55-jährigen Regisseur Michael Moore über Tornados, die Liebe zum Geld und das Geheimnis sanfter Politisierung gesprochen.

tip Mr. Moore, haben Sie mal in Erwägung gezogen, Ihre neue Do­ku­mentation wider den Kapitalismus kostenfrei zugänglich zu machen? Oder arbeiten auch Sie für Profit?
Michael Moore Meinen letzten Film „Sicko“ habe ich vor Kinostart tatsächlich umsonst im Internet zugänglich gemacht. Ich hätte auch diesmal nichts dagegen, auf die Weise mein Publikum zu verbreitern. Aber dummerweise ist „Kapitalismus … “ von Paramount finanziert, einer Firma, die nicht im Gratisgeschäft arbeitet (lacht). Aber in den USA kann ich immerhin kos­tenlose Vorführungen für Arbeitslose anbieten. Schlagen Sie dem deutschen Verleiher einfach mal vor, diese Idee aufzugreifen!

tip Sie haben die Arbeit an „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ bereits lange vor dem Kollaps des amerikanischen Finanzsys­tems begonnen. Hatten Sie nicht Angst, dass der Film ein Jahr nach Beginn der Krise bereits Schnee von gestern sein könnte?
Moore Meine Filme zielen nicht darauf ab, den Zeitgeist abzubilden. Ich versuche, mich universalen Problemen zu widmen. Normalerweise bin ich meiner Zeit weit voraus. „Roger and Me“ habe ich 20 Jahre vor dem Bankrott von General Motors gedreht. „Sicko“ ist zwei Jahre alt, und erst jetzt fegt die Debatte um das Gesundheitswesen durch die USA. Als ich George Bush nach Ausbruch des Irakkrieges in „Fahrenheit 9/11“ kritisiert habe, war ich für viele ein Landesverräter, aber vier Jahre später hat eine über­wältigende Mehrheit gegen seine Politik votiert. Sie sehen – mein Timing war eigentlich immer schlecht, und trotzdem haben die Filme ein breites Publikum gefunden und die Debatte bereichtert.

tip Aber ist zur Finanzkrise nicht wirklich schon alles gesagt?
Moore Das kann schon sein – aber von wem ist es denn, bitte schön, verstanden worden? Ich halte mich für durchschnittlich intelligent – aber ich könnte Ihnen auch jetzt, nach einem Jahr Arbeit, noch immer nicht schlüssig erklären, wohin diese Milliarden verschwunden sind und warum es keine funktionierenden Warnsysteme gab. Im Film sehen Sie Wirtschaftsexperten, denen es ähnlich geht. Dieser Tornado überfordert uns alle. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass er bereits vorbeigezogen ist. Die Zahl der Arbeitslosen und der geplatzten Immobiliendeals in Amerika steigt an, auch die Kreditkartenblase droht zu platzen. Mein Film ist leider kein Rückblick mit Happy End. Er stellt mit der Systemfrage auch die Zukunftsfrage: Wer kann sich Kapitalismus eigentlich noch leisten?

tip Sehen Sie irgendwo ein besseres System?
Moore Ich bin kein Ökonom, es ist daher auch nicht meine Aufgabe, Alternativen anzubieten. Ein Filmkritiker kann schließlich auch einen Verriss schreiben, ohne einen neuen, besseren Film drehen zu müssen. Grundsätzlich langweilt mich auch die Debatte von Kapitalismus versus Sozialismus. Das zieht im 21. Jahrhundert nicht mehr. Wir brauchen ein neues wirtschaftliches Mo­dell, in dem sowohl Mitbestimmung der Bürger bei wirtschaftlichen Prozessen als auch ein mora­lischer Code verankert sind.

tip Ist es nicht naiv zu glauben, dass moralische Prinzipien jemals über Geldgier siegen werden?
Moore Ich habe in meinem Leben genug Unglaubliches gesehen, um optimistisch zu sein. Ich war in der Nacht des Mauerfalls in Berlin, ich habe Nelson Mandela als freien Mann getroffen, und ich habe die Wahl eines Afro-Amerikaners zum US-Präsidenten erlebt. Warum also nicht weiter auf Änderungen zum Besseren hoffen? Vielleicht hilft die Krise dabei, dass eine Mehrheit ihre Einstellung zum Fetisch Geld ändert. Mein Filmtitel „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ ist ja kein Scherz. Die Menschen lieben Geld – insbesondere die Wohlhabenden brauchen immer mehr davon, um stetig Befriedigung zu verspüren.

Lesen Sie das vollständige Interview im aktuellen tip 24/09 auf den Seiten 36-38.

Lesen Sie hier: „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ im Kino in Berlin 

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