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Michael Stock über seinen neuen Film „Postcard to Daddy“

Michael-Stocktip Ihr Vater gibt in „Postcard to Daddy“ zu, Sie missbraucht zu haben. Was bedeutet Ihnen sein Bekenntnis?

Michael Stock Es hat mir ein Stück mehr Respekt vor meinem Vater gegeben, ich fand es mutig von ihm, die Einwilligung für den Film zu geben. Sich mit solch einer Geschichte in die Öffentlichkeit zu trauen, ist nicht einfach. Ihm war sehr daran gelegen, sich in aller Form bei mir zu entschuldigen. Die Gespräche waren weiterreichend als das, was wir im Film sehen.

tip Waren die Missbrauchstaten verjährt, als Sie den Film begannen?

Stock Ja. Meine Absicht war nicht, meinen Vater an den Pranger zu stellen, sondern zu begreifen. Es ist wichtig, die Täter zu hören, auch im präventiven Sinne. In meiner persönlichen Aufarbeitung hat es mir viel gebracht, mich mit der realen Person auseinanderzusetzen. Ich habe Jahre vorher mit diesem verinnerlichten Vater Zwiesprache gehalten. Der Moment, in dem er vor mir sagte, dass es ihm leidtut, hat mir schon sehr gutgetan. Als er mir das Ja-Wort für die Veröffentlichung des Films gab, habe ich bei mir fast schon einen Schutzmechanismus in Bezug auf ihn entdeckt, z.B. die Angst, dass der tobende Mob bei ihm vor der Tür stehen könnte.

tip Sie fühlen sich wirklich für ihn verantwortlich?

Stock Ich habe mir durchaus Gedanken darüber gemacht. Ich kenne Berichte, wo ein Mensch im Dorf X als Missbrauchstäter bekannt wurde und die Leute ihn rauswerfen wollten. Mein Vater ist jetzt siebzig und hat einen Schlag-anfall hinter sich. Er konnte nicht wiedergutmachen, was in der Vergangenheit passiert ist, aber er hat sich der Sache gestellt. Es ist nicht mein Anliegen, ihm den Lebensabend zu ruinieren.

tip Die emotionale Beziehungsgeschichte überwiegt in Ihrem Film, nicht die nüchterne Analyse. Was halten Sie von dem Erklärungsmuster vieler Täter, die sich durch das Kind verführt sehen?

Stock Es gibt verschiedene Beweggründe für solch eine Tat. Es mag mit Macht und Ohnmacht zu tun haben, mit mangelnder Bildung, mangelndem Selbstwertgefühl oder pädophilen Neigungen. Das ist so individuell, wie die Menschen sind. Auf meinen Vater bezogen, würde ich sagen, er ist nicht pädophil. Vielleicht hat er eine homosexuelle Veranlagung. Aus der Situation heraus war da ein Moment, wo eine Berührung zur sexuellen Erregung geführt hat. Dass ein Erwachsener nicht begreift, wann so etwas aufhören muss, das erachte ich als äußerst relevant im Sinne der Prävention. Es gibt sicher Kinder, die aus Neugier heraus sexuell agieren, Situationen, in denen ein Kind einen Erwachsenen erregt, aber es geht darum, dass Menschen über diesen Grenzbereich sprechen und das tun sie eben nicht, weder in den Familien noch in der Schule.

tip Sie halten nichts von der Halt!-Stop!-Formel, mit der Kinder Erwachsene zurückweisen sollen?

Stock Wie soll ein Kind begreifen, wann es zu weit geht? Der Erwachsene muss Nein sagen. Man kann Kindern die Abwehr sexueller Annäherung nur bedingt beibringen, das hat mit dem Alter und dem Entwicklungsstand zu tun. Man kann aber sehr wohl den Erwachsenen beibringen, sensibler mit diesen Dingen umzugehen. Das fängt in der Familie an, ist aber leider oft immer noch tabu.

tip Der Begriff Schuld ist Ihnen im Film wichtig.

Stock Schuld kriegt man mit auf den Weg. Bei mir war das exemplarisch. Die physische Grenzüberschreitung ist sicherlich anfangs das Schlimmste gewesen, dann die Scham, die in erster Linie mein Vater hatte und die er dann im Raum hinterlassen hat. Mit dem Höhepunkt ist er raus aus dem Zimmer und hat mich mit all diesen Gefühlen alleine gelassen, das hat mich als Kind vollkommen absorbiert. Die Scham- und Schuldgefühle kamen bei ihm nicht von ungefähr, er wusste, das tut man nicht. Aber es kommt relativ häufig vor, dass nach dem sexuellen Akt erst mal ein Schamgefühl herrscht, bei gleichgeschlechtlichem Sex sowieso, auch bei der Generation, die versucht hat, sich von all dem zu befreien. Das ist ein Spagat, den viele Erwachsene bis heute nicht hinkriegen. Da hat die 68er-Zeit nicht wirklich viel gebracht, es war eine Flucht nach vorne, ohne dabei eine Sprache zu finden.

tip Ist für Ihren Vater schwule Sexualität schuldbeladen?

Michael-StockStock Mein Vater ist sehr früh aus der Kirche ausgetreten, er hatte ganz klar etwas gegen die Nachkriegsprüderie. Nicht umsonst stand bei uns im Bücherregal das Buch „Zeig mal!“. Da wurden damals schon die Grenzen verwischt. Ich kann nur wiederholen: Es macht sicher Sinn, sich gegen Körperlichkeit und kindliches sexuelles Interesse nicht zu verschließen. Aber man kann nicht erwarten, dass ein Kind weiß, wo die Grenzen sind. Wenn ich in der U-Bahn Jugendliche höre, dann sind Worte wie Schwuchtel oder Opfer mittlerweile Alltag. Also ist die heutige Jugend nicht besser aufgeklärt, als ich es damals war. Übertragen auf meinen Vater gibt das bestenfalls ein Verständnis dafür, dass bei dem etwas völlig verkehrt gelaufen ist. Was ich bei ihm nachvollziehen kann: Aus einem Schuldgefühl heraus hat er die Extreme gesucht in der Betäubung von Gefühlen.

tip Sie haben das Schuldgefühl gegen sich selbst gewendet?

Stock Es ist so, wie im Film erzählt. Mit der sexuellen Selbstfindung habe ich begriffen, dass mir etwas angetan wurde, ich habe mich als Opfer identifiziert und hatte zeitgleich mein schwules Coming-out. Das auseinander zu dividieren, war schwierig. Einerseits hat es mir geholfen, mich in einen Mann zu verlieben und Liebe zu Männern als etwas Schönes empfinden zu können, aber es hatte den Effekt, dass ich dieses Benutztwerden kultiviert habe. Ich dachte, ich könnte damit besser leben oder es wäre legitimer, indem ich mir das schönrede, dass es toll ist, benutzt zu werden. Man kann da eine sexuelle Vorliebe entwickeln und sich eine Weile darauf ausruhen. Es hat Jahre gedauert, bis ich das in Frage gestellt habe.

tip Ein großer Teil des Films zeigt eine Reise, die Sie mit Ihrer Mutter gemacht haben. Hatten Sie Schwierigkeiten, Bilder für das zu finden, wovon die Rede ist?

Stock Ursprünglich wollte ich einen Film zum Thema Muttersöhnchen machen. Da ging es um mehrere Mutter/Sohn-Konstellationen. Dann kam mein Schlaganfall und ich musste den Job an den Nagel hängen. Meine Mutter hat mir diesen Erholungsurlaub gesponsert, und da die Beziehung zu ihr sehr durch die Missbrauchsgeschichte geprägt ist, wurden unsere Gespräche immer wieder darauf gelenkt. Als ich dann den Rohschnitt von „Muttersöhnchen“ sah, sagte ich mir, ich muss die Missbrauchsgeschichte endlich aufarbeiten. Diese eigentlich verschiedenen Filme zu einem zu machen, war relativ schwierig.

tip Befördert die aktuelle Debatte um den Missbrauch in Schulen und Kirchen Ihren Film?

Stock Seit zwanzig Jahren versuche ich, diesen Film zu machen. Ich habe an mir gezweifelt, weil es nicht klappte, aber letztlich immer gedacht, vielleicht ist die Gesellschaft noch nicht so weit. Jetzt bedurfte es kirchlicher Skandale, um tatsächlich laut zu werden und ich gebe täglich Interviews und der Film wird viel besprochen. Bei den diskutierten Geschichten wird vergessen, dass die meisten Missbräuche in den Familien stattfinden. Es wird wieder über Strafmaß und Verjährungsfristen geredet, aber die Geschichten selbst werden zu wenig zu Tage gefördert.

tip Missbrauch hinterlässt seelische Narben, auf der anderen Seite leben wir in einer
sexualisierten Gesellschaft. Wie erleben Sie diesen Zwiespalt?

Stock Die Schwulenszene, die ja auch extrem sexualisiert ist, hat viele Jahre gebraucht, da eine Richtung zu finden. Für mich war das Zusammenbringen von Sexualität und Liebe überlebensnotwendig. Einerseits war die
sexuelle Befreiung richtig, aber wenn es keinen Platz für Nuancen und Empfindsamkeit gibt, kann das nicht gut sein, egal in welcher Welt. In der Provokation kann viel Seele drin sein, im Sinne des Einforderns oder des Freiraumschaffens, das macht es so schwierig, generelle Aussagen zu treffen.

tip Wenn Ihr Vater verurteilt worden wäre, wäre das eine Genugtuung?

Stock Ich kann da nur zweideutig antworten. In Bezug auf die Vorfälle in der Kirche habe ich das Gefühl, lasst es nicht verjähren. In meinem persönlichen Fall hätte ich meinen Vater nicht ans Messer geliefert, wenn die Taten nicht sowieso verjährt gewesen wären. Mir war wichtig, die Geschichte ans Tageslicht zu fördern und nicht, eine späte Rache auszuüben.

Interview: Claudia Lenssen
Foto: David von Becker

Filmkritik „Postcard to Daddy“

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