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Mickey Rourke triumphiert in Venedig

 In der Haut von Wim Wenders möchte man auch nicht unbedingt stecken. Der Jurypräsident und seine sechs Mitstreiter haben sich durch ein Wettbewerbsprogramm gekämpft, das keinen Favoriten hervorgebracht hat. Dafür aber viel Mittelmaß, prätentiöse Langeweile und gestelztes Kunstkino. Das lauft dann wohl unter Qual der Wahl.

Mehr als sonst, wirkt die Löwen-Vergabe diesmal wie eine Lotterie. Aber es hilft ja nichts. Irgendeinen Film muss die Jury auszeichnen. Am Ende wird darum womöglich einfach der Wohnwagen-Faktor den Aussschlag. Würde jemals der Film Being Wim Wenders gedreht, müsste Film:Bird_Watcherser im Wim-Gehirn viele Wohnwagen finden. Wenders hat eine grosse Schwäche für bewegtes Wohnen. In seinen Filmen findet man immer wieder das Trailer-Motiv. Travis und Jane aus Paris, Texas leben zum Beispiel in einem Wohnwagen. Auch die Trapezkünstlerin Marion ist auf vier Rädern beheimatet („Der Himmel über Berlin“). Und natürlich ist da der Filmproduzent und Trailer-Bewohner Gordon in Der Stand der Dinge. Oder der Schauspieler Howard in Don’t Come Knocking. Die Wenders-Welt ist eine Wohnwagen-Welt.

Im Wettbewerb drängen sich drei Filme auf, die der Wender’schen Weltsicht entgegenkommen. The Burning Plain bietet einen Riesentrailer als Liebesnest für Kim Basinger, die für ihre schauspielerische Leistung unbedingt einen Preis verdient. BirdWatchers wartet mit einem kleinen und einsam abgestellten Gefäht im brasilianischen Niemandsland auf. Und schließlich ist da noch das wohnwagenartige Blechhaus in dem algerischen Gabbla – Inland, das in einer total unwirtlichen Gegend steht.

Unter diesen drei Filmen hat Tariq Teguiras Gabbla die grössten Chancen zu gewinnen. Das Wüstendrama hat nicht nur diesen ungemütlichen Wohnwagen als Symbol für die Einsamkeit und Verlorenheit in unserer modernen globalisierten Welt. Regisseur_Tariq_TeguiraRegisseur Tariq Teguira geizt auch nicht mit enorm langen und enorm überlangen Einstellungen, die gar nicht mehr aufhören wollen. So sieht grosse Kunst aus, wenn man die Filme von Theodoros Angelopoulos oder Bruno Dumont für große Kunst hält. Und „Gabbla“ daürt reale drei und gefühlte neun Stunden. Auch das ein Zeichen für Festivalgewinner.

Als bester Schaspieler muss jedenfalls Mickey Rourke ausgezeichnet werden. Daran kommt die Jury nicht vorbei. In Daron Aronofskys The Wrestler stellt Rourke mit seinem muskelbepackten, alternden, traurigen Körper, der in eine letzte Schlacht geht, alle Schauspielerkollegen in den Schatten. Rourke spielt den Wrestler Randy The Ram, der einfach nicht vom Kämpfen lassen kann und dem Tod im Ring geweiht ist. Das ist Rourkes vielleicht grösster Auftritt seiner Karriere.

Nicht zu vergessen: Rourke lebt als The Wrestler in einem Trailer. Und Aronofskys körperbetontes Ringerdrama war, ganz nebenbei, der herausragende Film unter den 21 Löwen-Kandidaten. Eine echte Adrenalinpackung am Ende eines oft verschnarchten Festivals.

Mickey_Rourke_in_Und wäre das nicht ein Traum? 22 Jahre nach Neuneinhalb Wochen sind Mickey Rourke und Kim Basinger wiedervereint, hier auf der Bühne am Lido: Rourke als bester Schauspieler, Basinger als beste Schauspielerin. Und der Wohnwagen-Romantiker Wim Wenders gibt diesem Kinotraum seinen Segen. Die Preise werden am Samstagabend vergeben.

Text: Volker Gunske aus Venedig 

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