Kino & Stream

„Before Midnight“ im Kino

Before Midnight

Langzeitprojekte erfordern Disziplin. Seit fast zwei Jahrzehnten arbeitet der Texaner Richard Link­later an der filmischen Nahaufnahme einer Liebe, an einer Kinoserie, die sich inzwischen zum Generationenporträt ausgeweitet hat. Exakt alle neun Jahre führt Linklater die Erzählung von Celine und Jesse weiter, die ihre gemeinsame Geschichte einer Zufallsbekanntschaft zu verdanken haben: Im Zug nach Wien hatten der amerikanische Junge und das schlagfertige Mädchen aus Frankreich einander als Europa-Touristen kennengelernt – und sich am Ende des ersten Films („Before Sunrise“, 1995) nach einer schlaflosen, aber ereignisreichen Nacht aus den Augen verloren. In Paris trafen sie einander neun Jahre später, in „Before Sunset“ (2004), wieder und verbrachten die Zeit vor Sonnenuntergang mit der bis zuletzt offenen Frage, ob Jesse nun sein Flugzeug wie geplant zurück in die Vereinigten Staaten nehmen oder die Gunst der Stunde diesmal längerfristig nützen würde.
Teil drei der „Before“-Serie gibt nicht nur darauf nun erschöpfend Antwort. „Before Midnight“ ist erneut in enger Zusammenarbeit Linklaters mit seinen beiden Hauptdarstellern entstanden: Julie Delpy und Ethan Hawke sind von den beiden Figuren, die sie hier spielen, längst nicht mehr zu trennen; es ist nur konsequent, dass Delpy und Hawke, die neben ihren Schauspielkarrieren selbst auch schreiben und Filme inszenieren, die Drehbücher der Teile zwei und drei gemeinsam mit Linklater verfasst haben. Man hört, sieht und fühlt, dass beide eigene Texte sprechen, nicht fremdbestimmte Dialoge. „Before Midnight“ ist eine Arbeit, die persönlich gemeint ist. Darin liegt die Stärke dieses Films, darauf geht seine Unmittelbarkeit zurück.
Before MidnightDramaturgisch klug setzen Link­later, Delpy und Hawke eine Szene an den Anfang, die nicht gleich klärt, in welchem Verhältnis Jesse und Celine inzwischen zueinander stehen. Wie sich bald herausstellt, blieben die beiden damals in Paris zusammen, Jesse verließ seine junge Familie in Amerika. Das Erwachsenenleben hat sie eingeholt; die gemeinsamen Zwillinge sitzen auf dem Rücksitz jenes Wagens, den das Paar für seinen Urlaub gemietet hat. Der Schauplatz des Films: Griechenland. Gegen die ökonomische Malaise, die man hier assoziieren mag, setzt Linklater ästhetisches Plaisir. Das Ferienhaus, das Celine und Jesse mit Freunden (unter ihnen „Attenberg“-Regisseurin Athina Rachel Tsangari) bewohnen, ist idyllisch, das Licht perfekt, das gemeinsame Essen im Freien fast schon zu malerisch, um wahr zu sein. Aber fast unmerklich nehmen die geistreichen Plaudereien existenziellen Charakter an – bis sich die Ressentiments der Liebenden in einem brutalen Streit entladen.
„Before Midnight“ handelt, genau genommen, von nicht viel mehr als einer Autofahrt, einem Essen, einem Spaziergang und einer stark verkürzten Nacht im Luxushotel: Linklater setzt lange Einstellungen in Szene, überlässt seinen virtuosen Darstellern das Feld. Die pointierten Dialoge täuschen über die Schwere hinweg, die das Besprochene zuverlässig birgt: Es geht um nicht weniger als das Wesen der Liebe, das Wirken der Zeit und etwa die Frage, ob es legitim sei, vonei­nander Besitz zu ergreifen.
Hinter der trügerischen Schlichtheit der „Before“-Filme steckt die hohe inszenatorische Eleganz eines Regisseurs, der sich auf die Kinogeschichte beruft, ohne sie plakativ zitieren zu müssen. An der Geschichte von Celine und Jesse arbeitet der cine- und frankophile Filmemacher Richard Linklater schon beinah so lange, wie Truffaut seinen Antoine Doinel verfolgt hat (über fünf Filme und 20 Jahre nämlich). Vielleicht versteht die Generation 40 plus, all jene also, die mit Linklaters Figuren gealtert sind, diese Filme besser als andere, aber eigentlich dürfen sich alle Altersschichten angesprochen fühlen.
In der zweiten Hälfte von „Be­fore Midnight“ schlägt der Tonfall radikal um. Der Ausgang: ungewiss. Bis 2022, so steht zu hoffen.

Text: Stefan Grissemann

Fotos: Despina Spyrou / Prokino

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Before Midnight“ im Kino in Berlin

Before Midnight, USA/Griechenland 2013; Regie: Richard Linklater; Darsteller: Ethan Hawke (Jesse), Julie Delpy (Celine), Seamus Davey-Fitzpatrick (Hank); 109 Minuten; FSK 6

Kinostart: 6. Juni

Mehr über Cookies erfahren