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Mikrokinos in Berlin

Mikrokinos in BerlinFoto: Harry Schnitger/tip

Mikrokino – das erinnert an Mikrokredit, und für diese Idee gab es schon einmal den alternativen Nobelpreis. Mit Mikrokrediten helfen nichtstaatliche Organisationen Bauern und Handwerkern in Entwicklungsländern. Das ist politisch korrekt. Mikrokinos sind das oftmals auch, stehen sie doch für eine Idee: für kompromisslose Unabhängigkeit und ein Programm abseits vom Kommerz.
Aber dafür braucht es Strukturen, die das erlauben, autonom oder quersubventioniert: „Wir sind nicht nur auf Kino orientiert, hier gibt es auch Theater und Musik, das ist unser Vorteil“, meint Florian Fangmann vom Centre Fran­çais de Berlin im Wedding.
Im Augenblick präsentiert das Kino in der Müllerstraße mit den Höhepunkten des 5. Globians Dokumentarfilm-Festivals Filme, die zwischen Fernsehen und Kino verloren gehen, weil die meisten Produktionen bei Kinoverleihern und Fernsehsendern keine Chance haben. „Es gibt so viele Graswurzel-Dokumentarfilme, die nie den Weg finden“, sagt Globians-Festivalleiter Joachim Polzer, „und weil Festivals immer kurz sind, freuen wir uns, dass wir hier das Beste wiederholen können.“
Für die Globians-Veranstaltungen bekommt der Saal einen neuen Namen und wird zum „Eiffelturm Kino„. Das Stahlbauwerk steht als Miniatur vor dem Eingang und erinnert an die Geschichte des vom französischen 60er-Jahre-Schick gezeichneten Gebäudes, in dem das Kino untergebracht ist. Bis 1992 war man hier für die kulturelle Grundversorgung der französischen Besatzungssoldaten zuständig. Danach durchlebte der Saal als City-Wedding eine wechselhafte Geschich­te, die vor zwei­einhalb Jahren in einer Pleite en­dete. Seither hat das Kino keinen richtigen Namen und lebt als offener Veranstaltungsort weiter.
Mikrokinos in Berlin„Also wir bezeichnen unser Kino ja auch gern als ‚Oase der freien Geister'“, sagt Usch Schmitz vom Kino am Ufer. Zusammen mit dem Filmpublizisten Kraft Wetzel verwandelte sie die Weddinger Eckkneipe Oma’s Pinte in das am besten riechende Kino der Stadt. Das unaufdringliche Räucherstäbchenaroma, die hellen Farben, der Verzicht auf Popcorn und Kinoschaukästen machen klar, dass es hier um anderes geht. „Wir sind im weitesten Sinne auf das Thema Spiritualität spezialisiert“, erklärt Kraft Wetzel. „Wobei uns das weite Feld der angestammten, bekannten Religionen genauso in­teressiert wie die spirituellen Traditionen, die nie Religion oder Kirchen sein wollten, wie z.B. der Schamanismus.“ Publikumsrenner sind Mitschnitte von Workshops spi­ritueller Größen. Kraft Wetzel: „Wenn wir konventionelle Spielfilme zeigen, die wir für unser Thema besonders relevant halten, bleibt das Publikum zu Hause.“
Jenseits des klassischen Kinoraums mit fester Bestuhlung, Vorhang und rotem Plüsch befindet man sich im Keller des White Trash Fast Food. Als Programmmacher ist Andreas Döhler davon überzeugt, dass das Kino dahin gehen muss, wo das Publikum ist. Schon in den 80er Jahren gehörte Döhler zum Sputnik-Wedding-Kol­lektiv. Die „Lust am Kinomachen“ hätte er mit den Programmen im White Trash wiedergefunden, sagt er. „Das ist so ein bisschen wieder zurück zu den Wurzeln.“
Die Orientierung liegt auf Underground, Independent und Musikfilmen. „Das kriegst du ja im normalen Programmkinokontext mit den ganzen ökonomischen und bürokratischen Diktaten gar nicht mehr umgesetzt.“ Am 20. Oktober liefen hier etwa ominöse Trash-Filme des noch ominöseren Regisseurs J.X. William, den der persönlich anwesende US-Nachlassverwalter Noel Lawrence wahrscheinlich selbst erfunden hat.

Foto unten: Jens Berger/tip

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