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„Min dit – Die Kinder von Diyarbakir“ im Kino

Der Blick der kleinen Gülоstan (Senay Orak) verleiht Miraz Bezars Spielfilm „Min Dоt“ einen tragischen Zauber. Das zierliche Kind begreift die Gesetze des Überlebens mit fassungslosem Ernst, wirkt allzu früh erwachsen und seltsam beherrscht. Der dffb-Absolvent Miraz Bezar ging auf der Suche nach authentischen Geschichten in sein Herkunftsland zurück, nach Diyabarkir im Osten der Türkei, das Zentrum der türkischen Kurden, das seit dem Bürgerkrieg der neunziger Jahre aus allen Nähten platzt. Sein No-Budget-Film, der mit Laiendarstellern entstand und von Fatih Akin koproduziert wurde, porträtiert die dortige gespannte Situation aus der Sicht von Straßenkindern. Auch wenn die elliptische Erzählweise manchmal Löcher in die Schlüssigkeit der Narration reißt, gelingt dem Film doch ein bewegendes soziales Drama mit märchenhaften Elementen, die der gängigen Gewalt andere Lösungen entgegen setzen. Gülоstan und ihr Bruder Firat (Muhammed Al) erleben, wie türkische Paramilitärs die Eltern erschießen. Der Vater, ein kritischer Journalist, hatte seiner Schwägerin, einer militanten Aktivistin, Unterschlupf gewährt.
Nach dem Mord setzt die Handlung erst wieder ein, als die Geschwister versuchen, sich und das Baby der Familie allein durchzubringen. Ein Drama des Zusammenhalts wider die Verlassenheit und die unaufhaltsame Verarmung entfaltet sich. Die Kinder müssen ihr Geschwisterchen begraben, verlieren die Wohnung und tauchen ein in die Welt der Bettler, Kleinhändler und Diebe, die zum harten Alltag der kurdischen Flüchtlinge in Diyarbarkir gehören. Firat findet Anschluss an eine Gang, seine zehnjährige Schwester lässt sich auf einen bemerkenswerten Deal ein, der die Geschlechterverhältnisse beleuchtet: Sie wird Anstandsbegleiterin einer Prostituierten, die ihre Arbeit kaschieren muss. Die Konfrontation mit dem Mörder ist unausweichlich, denn dieser Paramilitär lebt – so verdeutlicht „Min Dоt“ provozierend – als geschätzter Normalbürger in der Stadt. Wie das Kind in Erinnerung an die kurdischen Märchen der Mutter dem Mann das Handwerk zu legen weiß, macht den Film zusätzlich zu seiner politischen Brisanz bemerkenswert.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Min dit – Die Kinder von Diyabakir“ im Kino in Berlin

Min dit — Die Kinder von Diyarbakir, Deutschland 2009; Regie: Miraz Bezar; Darsteller: Senay Orak (Gülistan), Muhammed Al (Firat), Hakan Karsak (Nuri Kaya); Farbe, 102 Minuten

Kinostart: 22. April

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