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„Miral“ im Kino

Miral

„Wo wird diese Familie heute Nacht schlafen?“ Diese Frage stellt sich, wenn die Armee des Staates Israel wieder einmal ein Haus niedergerissen hat, in dem sie Terroristen vermutet hat. Sie bildet die persönliche Kehrseite eines politischen Konflikts, und es ist diese Seite, die Julian Schnabel in den Mittelpunkt seines Films „Miral“ gestellt hat. Es geht darin um ein Haus für das palästinensische Volk, und stellvertretend dafür steht das Waisenhaus von Hind Husseini in Ostjerusalem, in dem seit 1948 viele Mädchen Aufnahme und Bildung gefunden haben, die ihre Eltern verloren haben. Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt der Erzählung, die von 1948 bis in die jüngere Vergangenheit der 1990er-Jahre reicht. Die erste ist jene Hind Husseini (Hiam Abbas), die aus dem Chaos und den Rauchschwaden der israelischen Staatsgründung ein paar palästinensische Mädchen herausführt und ihnen ein Heim schafft: Als 1967 der Sechstagekrieg ausbricht und die Landkarte nachhaltig verändert, hat das Institut 2.000 „Töchter“, und die Leiterin legt großen Wert darauf, die „palästinensische Identität“ der Mädchen zu bewahren.
Doch der Film wird von dieser Stelle an kompliziert, so kompliziert, wie die Lage in einem Land mit mehreren Völkern und Religionen nun einmal ist. Schnabel führt eine neue Protagonistin ein, Nadia, eine „arabische Hure aus Jaffa“, die auf die unhaltbare Situation der in Israel verbliebenen Araber verweist. Und dann taucht die eigentliche Heldin des Films auf: Miral ist sieben Jahre alt, als sie 1978 in die Schule von Hind Husseini kommt. Sie wird im Lauf der Jahre zu deren designierter Nachfolgerin, aber vor allem wird sie für Julian Schnabel zu dem eigentlichen Medium der politischen Geschichte, die er erzählen will. Freida Pinto (bekannt aus „Slumdog Millionär“) verleiht dieser Rolle eine fragile Anmut, die in „Miral“ ohne große Umschweife für das nationale Ganze der palästinensischen Sache genommen wird.
Denn das Problem des Films ist eines, das jedes politische Epos lösen muss, das aber selten so salopp gelöst wird wie bei Schnabel: Wie gelangt man über die beschränkte Perspektive einzelner Figuren hinaus, wie ergibt sich aus dem Zusammenspiel von individuellen Erlebnissen der größere Horizont, der sich in „Miral“ immer wieder dort öffnet, wo Archivbilder zum Einsatz kommen? Schnabel vertraut dabei ganz auf den Weg seiner  Heldin, aber er überschätzt die Aussagekraft seiner Vignetten. Er geht offensichtlich davon aus, dass aus den Menschen, die Miral trifft, aus den Entscheidungen, die sie treffen muss, aus den Enttäuschungen, die sie erlebt, sich etwas zusammensetzt, das mehr ist als nur ein Plädoyer für das palästinensische Volk.
Dabei kommt ihm aber sein Stil in die Quere, der immer wieder im Detail auf Emotionalisierungen setzt, aber keinen nachvollziehbaren Zusammenhang ergibt. „Miral“ zerfällt in viele episodische Erfahrungen, die letztendlich die Heldin zu einer beinahe abstrakten Figur werden lassen, zu einem bloßen Gefäß für die guten Absichten des Regisseurs. Schnabel bezieht sich auf ein Buch der palästinensischen Journalistin Rula Jebreal, aber er vermag es nicht, den Film aus dem Schatten dieser Erzählung zu führen. Die Bilder des Kinos treten nun einmal in ein ganz anderes Verhältnis zu den Nachrichten- und Archivbildern; und auf dieser Ebene bleibt „Miral“ ein zwar aufwühlendes Epos, das sich überparteilich gibt, aber vom Land, auf das alle Konfliktparteien hoffen, und seinen Menschen wird nur ein undeutlicher Eindruck vermittelt.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Miral“ im Kino in Berlin

Miral, Frankreich/Israel 2010; Regie: Julian Schnabel; Darsteller: Hiam Abbas (Hind Husseini), Freida Pinto (Miral), Alexander Siddig (Jamal); 108 Min.; FSK k.A.

Kinostart: 18. November

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