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„Missverstanden“ im Kino

Missverstanden

Wenn der Vorspann zu Asia Argentos drittem Spielfilm „Missverstanden“ (in der italienischen Originalversion „Incompresa“ und damit treffsicherer „Die Missverstandene“) läuft, ist man direkt drin in der Welt jener Missverstandenen, denn man blättert durch das Tagebuch eines jungen Mädchens. Dort gibt es Bilder von Den Harrow („Don’t Break My Heart“), die Spuren vieler bunter Filzstifte, Lobeshymnen auf die Katze Dac und das eigene Selbst: „Aria is the best!“
Angesetzt wird also in einer Zeit, die schon ein bisschen in der Vergangenheit liegt, der Soundtrack und ein paar exzentrische Frisuren zeugen davon, außerdem hat sich Regisseurin Asia Argento Mühe gegeben, ihrem Film das Aussehen eines langsam verbleichenden Polaroids zu geben. Vor allem aber öffnet der Vorspann direkt die Schneise hinein in den Kopf dieses Mädchens, macht deutlich: Hier geht es um Aria (Giulia Salerno), und was es danach zu sehen gibt, das sieht auch sie. Und das, was sie sieht, das ist nicht unbedingt erbaulich.
Da wäre zum Beispiel die Mutter der Neunjährigen, die hier einfach nur „Mama“ heißt (dem „Papa“ ergeht es im Übrigen genauso) und die von Charlotte Gainsbourg als abgründige, zwischen Feinsinn und Grausamkeit wechselnde Exzentrikerin verkörpert wird. Sie ist Pianistin, hat in die Ehe mit „Papa“ (Gabriel Garko) eine eigene Tochter gebracht, Donatina (Anna Lou Castoldi), die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist, und beginnt im Verlauf von „Missverstanden“ zwei neue Beziehungen. Mit Punk Ricky (Justin Pearson) etwa, der auch für Aria einiges mehr Spaßpotenzial bietet als ein ältlicher Snob, mit dem Mama erst mal auf Kreuzfahrt verschwindet. Ricky ist auch allemal lustiger als der Clinch zwischen Mutter und Vater, denn die sind gerade im Begriff, sich endgültig zu trennen. Natürlich hat auch Papa, von Beruf Schauspieler, ein Mini-Me zur Seite gestellt bekommen: Lucrezia (Carolina Poccioni), eine kleine Diva, die eine Vorliebe für Croissants und die Farbe Rosa hat.
In solch einer Aufstellung kann es nur ungenügend Platz für Aria geben. Und von diesem Suchen nach einem Ort, an dem die Missverstandene eben verstanden wird, davon erzählt Asia Argentos Film. „Bevor die Geschichte zu mir gekommen ist, wusste ich, dass ich etwas schreiben möchte, das die Leute zum Lachen, aber auch zum Weinen bringt. Eine Art Melodrama also. Ich weiß nicht mehr genau, warum, aber ich erinnere mich, dass ich zum Produzenten sagte: Ich möchte ein Melodrama machen wie Fassbinders ‚Berlin Alexanderplatz‘. Das war mein Ausgangspunkt“, erzählt Asia Argento beim Interview in Berlin. Es gibt nicht viel, das in „Missverstanden“ an „Berlin Alexanderplatz“ oder an Fassbinder erinnert. Obschon die Filmbilder hochstilisiert sind und Aria eine Sucherin ist, eine, die sich an der Welt aufreibt und eigentlich nicht recht versteht, wieso.
MissverstandenSie findet allerdings ein paar Wege, um diesen Umstand auszuhalten: Aria schreibt. Ihre bei einer Preisverleihung in der Schule vorgetragenen Zeilen beinhalten ein schönes Liebe-Bonbon-Gleichnis. Und dann gibt es auch noch diese schwarze Straßenkatze, Dac, die unverhofft in Arias Leben tritt und fortan zum Gefährten wird. „Das Bild eines Mädchen allein auf der Straße mit Gepäck und einer schwarzen Katze, hinausgeworfen von Vater und Mutter, das war im Grunde das Einzige, was ich hatte. Ich bewundere Barbara Alberti, eine Drehbuchautorin, die unter anderem an ‚Der Nachtportier‘ von Liliana Cavani und kürzlich bei ‚I Am Love‘ von Luca Guadagnino mitgearbeitet hat. Ihr gab ich mein bisschen Material.“
Entstanden ist ein Film, der das Martyrium seiner Heldin in Form von Episoden erzählt, alle von durchaus unterschiedlicher Helligkeit. Es gibt Szenen, in denen Aria mit ihrer besten Freundin im mütterlichen Kleiderschrank (der vielmehr ein Kostümfundus ist) herumtobt, Puder staubt durch den Raum, die Mädchen schmieren sich die Gesichter mit Mascara und Lippenstift ein. Unbeschwerte Momente, und kurz danach poltert schon wieder ein Elternteil, wirft Obst aus dem Fenster, um die wetternden Nachbarn zum Schweigen zu bringen (die laut musizierende Mama), oder verteilt Salz auf dem Boden, weil das Glück bringen soll (der schrecklich abergläubische Papa).
MissverstandenDas jedoch sind nicht die Szenen, durch die das Grauen dieser Familie auf den Zuschauer übergreift, die Verlorenheit Arias offenbar wird. Schmerzlich zu betrachten sind jene Episoden, in denen Aria während einer Party, die eigentlich für Erwachsene gemacht ist, für kurze Zeit in einen wilden Tanz gerät, fast unsichtbar zwischen all den Beinen. Vor lauter Nichtbeachtung stehen die Glieder dann bald still. Oder wenig später, auf der eigenen Geburtstagsfeier, mit ansehen muss, wie die jungen Gäste das Inventar des „Ballraums“ zerlegen. Bei Asia Argento sieht das immerhin toll aus. Und klingt es auch. Der eskalierende Kindergeburtstag dehnt sich durch Slow-Motion-Fahrten, entgleisende Gesichter wechseln mit bunten, zerplatzenden Luftballons. Unterlegt wird das Ganze von düsterem 80er-Synth-Wave aus Belgien: „I Hear the Bells“ von Danton’s Voice. Das ist schmerzlich-schön, hätte wohl auch das Zeug zu einem guten Musikvideo, und so könnte man der Regisseurin letztlich vielleicht den Vorwurf machen, das Leid ihrer Aria allzu sehr zu stilisieren.
Allerdings sagt Argento auch: „Die einzelnen Geschichten sind wie Perlen. Du fädelst sie auf eine Schnur, und daraus entsteht eine Halskette. Seit ich ein Kind war, habe ich Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben, ich denke, es gibt da einen Zusammenhang.“ Wäre „Missverstanden“ eine Halskette, dann würden sich aneinandergereiht einige Zuckerstücke finden und durchaus auch ein paar echte Perlen. Und es ist nicht selten, dass sich auf einer Perlenkette auch das eine oder andere trübe Exemplar ausmachen lässt. Von besonderer Schönheit sind diese dennoch.

Text: Carolin Weidner

Fotos oben und rechts: Stefano Lachetti/ Rapid Eye Movies GmbH

Fotos links: Angelo Turetta/ Rapid Eye Movies GmbH

Orte und Zeiten: „Missverstanden“ im Kino in Berlin

Missverstanden (Imcompresa), Italien/Frankreich 2014; Regie: Asia Argento; Darsteller: Giulia Salerno (Aria), Charlotte Gainsbourg (Mutter), Gabriel Garko (Vater); 106 Min.

Kinostart: Do, 22. Januar 2015

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