Drama

„Mittagssonne“ im Kino

Ein dreigeteilter Episodenfilm über das Verhältnis von Kroaten und Serben am Beispiel von Liebespaaren

Foto: déjà vu film/ Picture Tree International

Eines der schönsten Filmplakate dieser Kinosaison ist das von „Mittagssonne“. Eine Grafik in Orange, klug komponiert, schlicht; dabei aufgeladen und unmittelbar. Das Plakat hat etwas, das man nicht allzu oft zu sehen bekommt, aber um dessen Besonderheit man sofort weiß. Man spürt es einfach. Glücklicherweise ist da kein Bruch auszumachen zwischen Plakat und Film, denn Dalibor Matanićs dreigeteilter Episodenfilm enttäuscht nicht. Aber was zeigt nun diese Grafik: ganz zentral zunächst einmal eine riesige Sonne, dargestellt als weiße Auslassung. Unter ihr: zwei Umrisse in Menschenform. Wie Scherenschnitte wirken sie, solche, die einander umschlingen. Die Sonne wiederum lässt beide Körper Schatten werfen, sehr lange, eigentlich viel zu lang für diese Sonne. Aber nur so wird überdeutlich: Die Schatten beider Körper fallen auseinander, obwohl sie doch so nah beieinander stehen.

Das ist eine Anordnung, in der schon viel von diesem Films enthalten ist, das Wesentliche eigentlich. Und weil Matanić dieses Wesentliche so empfindsam inszeniert und derart gut besetzt hat, wurde „Mittagssonne“ im letzten Jahr in der Cannes-Sektion „Un certain regard“ (dt. „Ein gewisser Blick“) auch mit dem Jury-Preis geehrt.

Flüchtiger Trug

Die beiden Körper, die sich hier begegnen – symbolisch sind es die der Schauspieler Tihana Lazović und Goran Marković –, gehören zusammen und sind doch gleichsam großen Fliehkräften unterworfen. Fliehkräfte, für die beide nichts können; sie sind nationaler und politischer Natur. Tihana Lazović, die in „Mittagssonne“ drei Frauen zu Leben erweckt – Jelena, Nataša und Marija – repräsentiert in allen Teilen den „serbischen Körper“; Goran Marković indessen den „kroatischen“. Im Film ist er Ivan, Ante und Luka. Paarweise arrangiert Matanić ein Zusammentreffen, immer in einem kleinen kroatischen Dorf, aber zu jeweils unterschiedlichen Zeiten. Drei Sommer, die insgesamt einen Zeitraum von drei Jahrzehnten überspannen: 1991, 2001 und 2011.

Dabei setzt „Mittagssonne“ vermeintlich idyllisch ein. Vermeintlich, da 1991, im ersten Jahr des bis 1995 andauernden kroatischen Unabhängigkeitskrieges, Idyllisches eigentlich nur als flüchtiger Trug zu haben war. Oder als Hoffnung. Eine solche verbindet das junge Liebespaar Jelena und Ivan, die einen letzten langweiligen und heißen Sommer im Dorf verbringen, bevor sie gemeinsam nach Zagreb aufbrechen wollen. Es ist eine schöne Liebe, die Matanić hier zeigt: Ivan spielt auf der Trompete und ist ein großer, netter Kerl. Jelena ist eine forsche Starke, mit blonden Locken. Ein Paar, das ganz selbstverständlich miteinander ist, viel selbstverständlicher als es ihm im Dorf zugestanden wird. Vor allem Jelenas Bruder, der in einer Miliz gegen Kroaten kämpft, ist gegen die Wahl seiner Schwester. Die erste Episode von „Mittagssonne“ schließt mit jenem Schmerz, der sich durch den gesamten Film ziehen wird.

Inständige Momente

Zehn Jahre später begegnen sich wieder zwei junge Menschen im zum Teil noch zerbombten Dorf. Nataša will mit ihrer Mutter das Haus beziehen, aus dem sie einst flohen; Ante ist Zimmermann, er soll das Heim wieder herrichten. Es ist die stärkste Episode in „Mittagssonne“, schon allein wegen ihr lohnt sich der Gang ins Kino. Wie Matanić die Spannung zwischen Ante und Nataša darzustellen versteht! Wie er einige inständige Momente auf Natašas Nacken verweilt, während sie Ante bei der Arbeit zusieht. Eine Schweißperle bildet sich auf ihrer Haut. Eine Schweißperle wiederum, die so sinnbildlich für den Konflikt steht zwischen Anziehungs- und Fliehkräften.

Der Schlussakt dann zeigt ein Land, aus dem der Krieg längst gewichen scheint. Luka fährt mit einem Kumpel zurück ins Dorf, um an einem Rave teilzunehmen. Nur, dass im Dorf auch noch Marija mit dem gemeinsamen Kind lebt. Luka hatte sich einst aus dem Staub gemacht, will aber zurück. Auch hier spielt das Thema Kroatien-Serbien noch eine Rolle, doch ist es dieses Mal „der Kroate“, der um Vergebung bittet.

Zvizdan HR/SL/RS 2015, 119 Min., R: Dalibor Matanic, D: Tihana Lazović, Goran Marković, Nives Ivanković, Start: 30.6.

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