Kino & Stream

„Monsters“ im Kino

Zunehmend entnervt davon, den auch in England sehr niedrigen und starr festgeschrieben Bedürfnissen des Fernsehens genügen zu müssen, suchte Edwards ein Ventil für seine visuellen Ambitionen – und wurde ausgerechnet am Strand von Thailand fündig. In einem Urlaub mit seiner Freundin, deren Foto auf dem Nachttisch seiner mit Computern, DVD-Kisten und Film­equipment bis zum Anschlag vollgestopften Einzimmerwohnung steht, fiel sein Blick auf Fischer, die am Strand gerade fette Beute aus dem Meer wuchteten. „Das war mein Heureka-Moment. Ich fragte mich, was wäre, wenn diese Fischer plötzlich ein monströses Wesen aus dem Wasser zögen. Wie sähe eine Welt aus, in der wir uns alle daran gewöhnt haben, dass wir den Planeten mit riesigen, bizarren Kreaturen teilen?“
Edwards kündigte seinen Job, nahm seine gesamten Ersparnisse („genug, um ein kleines Haus in bar zu bezahlen“) und fand mit der kleinen Produktionsfirma Vertigo Films einen Partner, „der wahnsinnig genug war, mich ohne fertiges Skript und mit meiner seltsamen Idee in einen Winkel der Welt zu schicken, an dem ich nie zuvor war.“ Drei Monate drehte er mit einem winzigen Team (fünf Leute – inklusive der beiden Hauptdarsteller) in Südamerika und Mexiko.
Die Arbeit war weitgehend improvisiert, wovon ein zerfledderter Filofax voll loser Seiten mit Dialogfetzen und Szenenplänen zeugt, den Edwards aus seinem Rucksack fischt und schmunzelnd als „eine Art Drehbuch“ bezeichnet. Das Miniteam bewegte sich auch in Landstrichen, in denen Fremde gern mal von Gangs entführt oder durch­siebt werden. Sprachbarrieren oder Krankheitsrisiken waren da noch das geringste Problem. „Sehe ich den Film heute, denke ich: „Wow, was für ein Abenteuer, da wäre ich gern dabei gewesen – denn tatsächlich waren der Druck und die Selbstzweifel in der ganzen Zeit riesig.“
Wieder daheim in Großbritannien übernahm sein Partner Colin Goudie den Schnitt des Rohmaterials, während Edwards die digitale Nachbearbeitung begann. Wo für gewöhnlich F/X-Firmen wie Digital Domain oder ILM spektakuläre Sci-Fi-Bilder zaubern, genügte Edwards sein Wohnzimmer. Zur Demonstration führt er auf einem seiner Flatscreens eine Sequenz vor, in der ein abgestürzter Kampfjet im Dschungel der „Infected Zone“ von Monstertentakeln in einen Fluss gezogen wird. Nur einer der Momente, in denen er sein Publikum erstaunt, so effektiv sind die Schauwerte eingesetzt, mit Sinn für Suspense: „Der Hai in ‚Jaws‘ taucht auch nicht öfter auf als die Aliens bei mir – ich habe mitgestoppt“, sagt Edwards. Um dann ein Modellflugzeug, eine Taschenlampe und etwas Klarsichtfolie aus der nächsten Kiste zu kramen, die ihm zur Umsetzung der Szene dienten. Solche Innovationskraft lässt Hollywood mit seinen Fantastilliardenbudgets geradezu idiotisch wirken.
„Ja, es ist komisch“, sinniert Edwards, „neulich war ich für Meetings in Los Angeles und wurde dauernd gefragt, wie viel Geld ich wohl für mein nächstes Projekt bräuchte. Ich hatte keinen Schimmer und sagte irgendwann: drei Millionen Dollar. Da gab es rundum besorgte Gesichter, und das Meeting war versaut. Bis ich irgendwann einfach mal sagte: 30 Millionen. Da lächelten alle und nickten erleichtert. Unglaublich, oder? Aber die Filmmaschinerie dort ist so groß, dass die Vorstellungskraft völlig abhanden gekommen ist, auch mit geringen Mitteln eine Story im großen Stil zu erzählen.“ Dass Edwards früher oder später trotzdem in Hollywood arbeiten wird, erscheint sicher – schon jetzt ist der junge Mann mit seiner „Monsters“-Odyssee Teil moderner Filmemacher-Folklore. Sein Weg dürfte die nächste Regisseur-Generation ebenso motivieren wie einst Tarantino mit seiner Videotheken-Ausbildung. Und was immer Edwards als Nächstes macht: Nichts deutet darauf hin, dass er den Boden unter den Füßen verliert. Selbst der Welt­premiere seines eigenen Films blieb er fern. Er hatte einen wichtigeren Termin – die Hochzeit seiner beiden Hauptdarsteller.

Text: Roland Huschke

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Monsters“ im Kino in Berlin

Monsters, Großbritannien 2010; Regie: Gareth Edwards; Darsteller: Scoot McNairy (Andrew Kaulder), Whitney Able (Samantha Wynden); 93 Minuten; FSK 12

Kinostart: 9. Dezember

Zurück | 1 | 2 

Mehr über Cookies erfahren