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„Monsters“ im Kino

Knapp zwei Stunden hat Gareth Edwards schon von der wundersamen Entstehungsgeschichte seines Debüts „Monsters“ erzählt, das seit Monaten auf Festivals für Furore sorgt und ihn bei Hollywoods Talentjägern längst so begehrt machte wie zuvor Duncan Jones („Moon“) oder Neill Blomkamp („District 9“). Doch als ich nach einer kurzen Pause wieder sein winziges Londoner Apartment mit Blick über die Themse betrete, blickt der 35-jährige Brite so fassungslos drein, als hätte gerade eines der haushohen Tentakelviecher aus seinem Film ans Fenster geklopft. „Sorry, ich brauche einen Moment, um mich zu sammeln“, murmelt er und zeigt verwirrt vor Glück auf eine soeben eingetroffene E-Mail. Ein Glückwunschschreiben zu „Monsters“. Gleich zwei Mal in Folge hat der Absender den Film gesehen – und war begeistert davon. Und obwohl Edwards Komplimente inzwischen gewöhnt sein sollte, bedeutet ihm dieses Urteil mehr als alles andere. Stammt es doch von keinem Geringeren als Ridley Scott.
Das passt in vielerlei Hinsicht. Inspiriert von Scotts Meisterschaft in der Kreation organischer Filmwelten gelingt auch Edwards in „Monsters“ das Kunststück, einen fiktiven Mi­krokosmos zu schaffen, der zugleich glaubwürdig ist. Die Prämisse von „Monsters“ ist so schlicht wie brillant: Die Story beginnt, wo vergleichbare Genrestoffe enden. Vor einigen Jahren, informiert der Vorspann im dokumentarischen Tatsachenton, sind außerirdische Kreaturen auf der Erde gelandet. Gewaltige Wesen, die sich ungebrochen fortpflanzen und dem Bombardement der amerikanischen Armee trotzen, während sie weite Teile Mexikos und Kaliforniens zu ihrem Terrain gemacht haben. Diese „infizierte Zone“, in der hinter jedem exotischen Strauch tödliche Tentakel hervorschnellen können, müssen ein Fotograf (Scoot McNairy) und die Tochter (Whitney Able) eines Medientycoons durchqueren, um nach Hause zu kommen.
Das Szenario ist Auftakt für eine reizvolle Reflexion der täglichen Dramen an der US-mexikanischen Grenze, wenn hier zur Abwechslung Amerikaner in die Rolle gejagter Migranten schlüpfen. Doch vor allem transzendiert Edwards das Genre, indem er Konfrontationen mit der fremdartigen Bedrohung sparsam dosiert und stattdessen den Fokus auf die zärtliche Annäherung der beiden Reisenden legt. „Monsters“ ist ein Monsterfilm für Leute, die mit den Monsterfilmen aus der effektgierigen Nerd-Perspektive für gewöhnlich nichts anfangen können. Mal minimalistisches Roadmovie, mal Breitwand-Schocker und auf der zwischenmenschlichen Ebene stets außergewöhnlich intim und berührend.
Keine 500?000 Dollar hat das Budget betragen, was Edwards zur schönen Analogie verleitet, dass man in seiner Geschichte gerade noch den Widerschein der Flammen aus Spielbergs „Krieg der Welten“ sehen könne. Geboren wurde diese Selbstbescheidung freilich aus purer Frustration. Obwohl Edwards gut im Geschäft war, bevor er seinen Traum vom großen Kino umzusetzen wagte. Für die BBC inszenierte er jahrelang historische Dokumentationen mit Spielszenen. In der Branche hatte er sich einen exzellenten Ruf als Experte für Spezialeffekte erworben, der die attackierenden Heere von Hunnenkönig Attila preiswerter und effektiver aus seinem Rechner zaubern konnte als die gesamte Konkurrenz. „Doch am Ende“, erinnert er sich, „bestaunte man eben immer nur die Effekte, was durch die Blume natürlich auch als Herabsetzung meiner Arbeit als Regisseur zu verstehen war.“

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