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Monte Hellman-Filmreihe im Kino Arsenal

'Two Lane BlacktopDer Regisseur Monte Hellman ist eine Legende zu Lebzeiten, einerseits. Andererseits ist er außerhalb enger cineastischer Zirkel nur wenig bekannt. Er hat nicht viele Filme gedreht und keinen davon für eines der bekannten Hollywood-Studios. Er war nie Oscar-verdächtig, verschwand immer wieder jahrelang von der Bildfläche, ein Film nach dem anderen scheiterte im Stadium der Finanzierung. Gleich vier Kapitel in Brad Stevens’ autorisierter Biografie des Regisseurs sind statt mit Titeln fertiggestellter Werke schlicht mit „Zwischen den Projekten“ überschrieben – zählt man die Jahre zusammen, in denen er eben nicht drehte, kommt man auf vierzig. Das Nicht-Realisierte ist ein wichtiger Bestandteil von Hellmans Gesamtwerk.
Gelegentliche Sichtungen anderer Art gab es. Mitte der Neunziger war Hellman fast gänzlich vergessen, da tauchte er überraschend als Produzent im Vorspann des Debüts eines ambitionierten Jungregisseurs namens Quentin Tarantino auf. Man hatte gemeinsame Pläne, aus denen nichts wurde. In den letzten fünfzehn Jahren gab es ein paar kleinere, unbeachtet gebliebene Sachen. Bis dann im vergangenen Jahr Erstaunliches geschah, eher hätte man für möglich gehalten, dass das Monster von Loch Ness im Bikini am Lido den Fluten entsteigt: Monte Hellman, inzwischen fast achtzig, präsentierte „The Road to Nowhere“, einen neuen Film, im Wettbewerb von Venedig.
Two Lane BlacktopAngefangen hatte alles beinahe gerad­linig. In den Fünfzigern hatte Hellman erst Theater, dann Film an der Universität in Los Angeles studiert. Als Leiter und Regisseur einer obskuren Theatertruppe begann er seine Karriere. Im Jahr 1958 inszenierte er die Westküstenuraufführung von Samuel Becketts damals noch heftig umstrittenem Stück „Warten auf Godot“, und zwar als Western. Bald darauf lernt er den damals noch völlig unbekannten Jack Nicholson kennen. Hellmans späteren Ruhm begründen zwei Werke aus der Mitte der Sechziger, die er mit Nicholson, produziert vom B-Movie-King Roger Corman, schnell, billig und unmittelbar hintereinander fürs Fernsehen drehte: „Ride in the Whirlwind“, nach Drehbuch von Nicholson, und „The Shooting“. Beides sind Western, aber aus dem Geiste Samuel Becketts, nicht Anthony Manns oder John Fords. Die Figuren werden in Situationen versetzt, die man wahlweise existenziell oder banal finden kann. Noch vor dem Vorspann geht in „Ride in the Whirlwind“ einer der Protagonisten erst einmal pinkeln.
Die näheren Umstände der Geschichte bleiben in beiden Fällen recht unklar. Zwei Männer halten eine Familie als Geisel und werden von anderen Männern gejagt („Ride in the Whirlwind“). Eine Frau sinnt auf Rache und treibt eine Handvoll Menschen ins Verderben („The Shooting“). Es gibt keinen Aufbruch nach Westen, keine atemberaubenden Bilder, kein Streben nach Glück und keinen Kampf um Gerechtigkeit oder Ehre. Eher geht es schlicht und barbarisch um das, was Menschen einander ohne zivilisierende Instanzen im schlimmsten Fall antun: Sie belauern sich erst, dann schießen und morden sie und sterben einen sinnlosen Tod.
CockfighterAuch in dem Film, der heute als Hellmans eigentliches Meisterwerk gilt, stellt er die amerikanische Frontier-Mythologie glatt auf den Kopf. „Two Lane Blacktop“ ist etwas, das man Road-Movie nennen muss, eine Wettfahrt durch die USA, von Westen nach Osten. Sie beginnt jedoch ohne Anlass und erreicht nie ihr Ziel. Namenlos sind die Figuren, der Fahrer, der Mechaniker, das Mädchen, GTO (Warren Oates heißt wie sein Auto). Nebenfiguren tauchen auf, verschwinden wieder. Es gibt nur einen Zustand, das wird im Film selbst so formuliert: „passing through“ – „auf der Durchreise“ von Irgendwo nach Nirgendwo.
Drei teils ebenfalls exzellente Filme drehte er noch, die sehr gelungene Charles-Willeford-Verfilmung „Cockfighter“ darunter, dann war Hellman verschwunden. Aufs Äußerste waren seine Fans deshalb auf „Road to Nowhere“ gespannt. Die Kritik in Venedig zeigte sich ziemlich enttäuscht. Man hatte auf ein weiteres trockenes Existenzstück gehofft und bekam stattdessen einen mit einer Fotokamera billig digital gedrehten, selbstreflexiv verspiegelten, mehrfach und verwirrend gerahmten Film-im-Film-Film-Noir. Ein Regisseur dreht (im Film) nach einem wahren Betrugsfall einen Thriller. Vor Ort, niedrig budgetiert, beraten von Kennern der Vorgänge. Er verfällt dabei auf eine Hauptdarstellerin (Shannyn Sossamon), deren Schönheit und Charme er schnell erliegt. Dass mit ihr etwas nicht stimmt, verdichtet sich im Verlauf vieler Vor- und Zurückblenden und in der langsamen Akkumulation weiterer Informationen zur Gewissheit.
In Wahrheit ist aber auch „Road to Nowhere“ wunderbar Hellmanesk: Wieder und wieder geht es – in Song-Einlagen, in einer Schauspielprobe – um eine sehr spezifische Situation: gefangen zu sein zwischen einem Vor und Zurück, ohne wirklichen Ausweg nach beiden Seiten. Hellman is back: Endlich ist auf dieser ganz besonderen Straße nach Nirgendwo wieder Verkehr.

Text: Ekkehard Knörer

Filme von Monte Hellman, Kino Arsenal, Di 1.3. – Do 10.3.

Das komplette Programm finden Sie hier: Kino Arsenal Berlin

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Monte Hellman

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