Oscargewinner

„Moonlight“ von Barry Jenkins im Kino

„Die Augen führen uns in die Seele der Figuren“ – „Moonlight“ ist der Überraschungs-Gewinner bei den Oscars. Im Gespräch mit dem tip erzählt Autor und Regisseur Barry Jenkins von der Entstehung des Films, von Erwartungshaltungen – und was Brad Pitt mit all dem zu tun hat

Foto: David Bornfriend

Wenige Wochen vor der Oscar-Ver­leihung in Los Angeles sitzt Barry ­Jenkins in einem Loftbüro an der Schön­hauser Allee und sagt zuerst einmal: ­„Berlin – so gut, wieder hier zu sein!“ Das ­könnte man für die typische Höflichkeit eines ­Mannes halten, der weiß, dass er mit seinen Interviews immer auch Werbung für seinen Film macht.
Aber er hat tatsächlich gute Erinnerungen an Berlin. „2013 kam ich für eine Weile nach Europa, weil ich in Ruhe schreiben wollte. Ich ging nach Brüssel, und als ich fertig war, kam ich noch für ein paar Tage nach Berlin.“ Das Drehbuch, an dem er damals saß, trug den Titel „Moonlight“, nach einem Theaterstück von Tarell Alvin McCraney. Das hatte einen etwas poetischeren, längeren Titel: „In Moonlight Black Boys Look Blue“.
Das Stück erzählt die Geschichte eines ­afroamerikanischen Jungen, der in einer ­Sozialsiedlung in Liberty City, Miami aufwächst. Drei Tage aus dem Leben dieses Chiron, die nun auch in dem Film „Moonlight“ die Kapitelüberschriften bilden: Little, Chiron, Black. Ein kleiner Junge, der zu einer Identität findet, und doch an seine Hautfarbe (und die damit einhergehenden Klischees) gefesselt bleibt.

War Chiron für ihn der Anknüpfungspunkt, als er dieses Stück zu einem Drehbuch umgearbeitet hat? Es stellt sich heraus, dass Barry Jenkins einen anderen Zugang hatte: „Es war die Figur der Mutter. Denn meine Mutter hatte dieselben Probleme: Sie war drogensüchtig. Deswegen war es so schwierig für mich, mit Naomie Harris in dieser Rolle zu arbeiten. Für mich waren diese Szenen wie das richtige ­Leben, wie eine Art Therapie mit sehr guten Schauspielern.“
Chiron wird in „Moonlight“ von drei unterschiedlichen Darstellern gespielt, die jeder für sich eine sehr gute Wahl sind. ­Barry Jenkins achtete dabei vor allem auf einen bestimmten Aspekt: „Der Hautton war uns wichtig, alle drei sind sehr dunkel, ansonsten war uns Ähnlichkeit nicht so wichtig. Das ­Leben spielt Chiron ziemlich mit, er muss sich verändern, damit man ihn in Ruhe lässt oder damit er sich durchsetzen kann. Im dritten Teil ist er dann fast bei einem Gegenteil seiner selbst angelangt. Er ist es satt, dass er für schwach gehalten und getriezt wird, also hat er sich extra männlich gemacht. Es gibt ein Buch von Walter Mirch über Filmschnitt: ,In the Blink of an Eye‘, das ist für mich sehr wichtig. Die Augen führen uns in die Seele der Figuren. Ich habe also darauf geachtet, ob man in den Augen noch das Kind sieht.“

Nebenbei erwähnt er, dass es deutsche Techno­logie war (vor allem die Arri-Alexa-Kamera), die ihm eine bestimmte Ästhetik ermöglicht hat – denn die Sache mit der Haut ist nicht nur für ihn wichtig, sie ist auch so etwas wie der politisch entscheidende Faktor. Man könnte von einer neuen politischen Korrektheit der Bilder sprechen, die Jenkins herstellt: „Wir erzählen eine schwere, dunkle Geschichte, aber Miami ist ein prächtiger Ort, alles sieht fantastisch aus – wir wollten, dass auch die Bilder toll aussehen. Die Bilder und die Gefühle im Kino waren aber immer auf weiße Haut ausgerichtet, das Filmmaterial von Fuji oder ­Kodak war darauf kalibriert, und deswegen hat man beim Makeup immer ­Puder verwendet. Wir aber haben Öl genommen, die Haut sollte glänzen. Denn das ist meine Erinnerung: ­glänzende, verschwitzte, feuchte Haut.“
Die künstlerische Freiheit, das alles so souverän und teilweise ein wenig experimentell wie in „Moonlight“ zu erzählen, hat Barry Jenkins sich mit seinem Debütfilm erarbeitet, einer No-Budget-Produktion über das schwierige Leben von jungen Schwarzen in der sündhaft teuren Hipsterwelt von San Francisco: „,Medicine for Melancholy‘ hat 13.000 Dollar gekostet und zirkulierte nicht gerade weit herum, aber Plan B, die Produk­tionsfirma von Brad Pitt, kannte ihn, sie schauen sich anscheinend wirklich alles an. Als ich 2013 mit dem Drehbuch zu ,Moonlight‘ aus ­Europa zurückkam, besuchte ich das Tellu­ride Festival, wo damals gerade ,12 Years a Slave‘ gezeigt worden war. In Telluride kam der Kontakt zu Plan B zustande, und dann ging alles ziemlich problemlos. Drei Jahre später hatte ,Moonlight‘ auch in Telluride Premiere.“

Man muss nachfragen, vor allem angesichts der Tatsache, dass Brad Pitt sich in „12 Years a Slave“ eine ziemlich angeberische Rolle zugeschanzt hat. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm? Barry Jenkins hat nur gute Erfahrungen mit dem weißen Superstar gemacht: „Anfangs war er nicht sehr präsent, und daran sieht man eben auch, dass Plan B nicht nur Brad Pitt ist. Er hat diese Firma mitgegründet, die ständig die Augen offen hält nach interessanten Dingen. Als der Film fertig war, bekamen wir ein paar Zettel mit Anmerkungen, aber keinen Druck. Schließlich gab es ein Screening, und da war Brad dann da. Es gab auch eine tolle Szene: Brad traf Trevante Rhodes, der den ­erwachsenen Chiron spielt. Trevante wollte ein Foto machen für seine Mutter, aber Brad hat spontan dafür gesorgt, dass sie selbst kam, und unterhielt sich ausführlich mit ihr. Er ist sehr großzügig. Dieser Film wäre auch anderswo entstanden, aber mit ihm als Botschafter hatten wir diese wunderbare Freiheit.“
Dass „Moonlight“ nun bei den Oscars als bester Film ausgezeichnet wurde, ist verdient, hat vermutlich aber auch mit der aufgeladenen politischen Situation in den USA zu tun. Unabhängig von den Academy Awards steht der passionierte Twitterer Jenkins sowohl zu seiner Freiheit wie zu seiner Verpflichtung: „Meine Kunst ist mein primärer Beitrag, aber nicht in einem tagesaktuellen Sinn. ,Moonlight‘ ist keine Antwort auf irgendwas, denn als ich ihn gemacht habe, ging ich davon aus, dass Hillary Clinton Präsidentin sein würde. Jetzt aber ist das ein Film über die Tatsache, dass Amerika uns allen gehört. Ich bin jetzt ein Faktor, und ich muss mir überlegen, was ich damit tun kann. Bei der nächsten Wahl bin ich sicher auch von Haus zu Haus unterwegs.“

Moonlight USA 2016, 111 Min., R: Barry Jenkins, D: Mahershala Ali, Naomie Harris, Trevante Rhodes, Start: 9.3.

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