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„A Most Wanted Man“ im Kino

A Most Wanted Man

Im November wird Philip Seymour Hoffman als Strippenzieher einer entmenschlichten Zukunftswelt im Kino zu sehen sein; die Nebenfigur in „Die Tribute von Panem“ wird sich als finaler Part des im Februar an einer Überdosis Heroin verstorbenen Schauspielers einprägen. Seine letzte Hauptrolle hatte der 46-Jährige zuvor für Anton Corbijn übernommen, an der Seite eines internationalen Cast mit Robin Wright, Willem Dafoe und Nina Hoss. Am Ende des Films verblassen die Mitspieler, so präsent ist Hoffman als kettenrauchender tragischer Ermittler mit schwerer Seele und angestautem Frust.
Corbijn hat nach seinem stylish-steifen Auftragskillerfilm „The American“ ein verwandtes Thema gewählt, doch schlägt er für seine moderne Agentengeschichte einen konventionelleren Erzählton an. Die Vorlage stammt von Altmeister John le Carrй, der in seinem Roman einen grimmigen Blick auf die Innenmechanik gegenwärtiger paranoider Antiterror-Spionage wirft. Spielort ist Hamburg, dort, wo Mohammed Atta einst unbemerkt die Anschläge des 11. September plante. Hoffman gibt den deutschen Kopf einer Unterabteilung des Deutschen Geheimdienstes, die an der Grenze der Legitimität operiert. Als ein illegaler Flüchtling von einem Boot aus am Hamburger Hafen an Land klettert, klingeln die Alarmglocken der Späher. Kaum hat der russisch-tschetschenische Generalssohn Kontakt zu Hamburgs muslimischer Community aufgenommen, heften sich sofort sämtliche Abteilungen internationaler Spionage an seine Fersen, allen voran die ?CIA – und jeder für sich.
A Most Wanted ManWo die Kollegen auf schnellen Zugriff drängen, setzt Hoffmans Figur auf eine Strategie des langen Atems und der Präzision. Günter Bachmann heißt der Charakter, und leider krankt die Originalversion an der Irritation, dass die deutschen Figuren Englisch miteinander sprechen, teils mit drolligem Teutonen-Akzent. Den Flüchtling hält Bachmann für unschuldig, sieht in ihm aber einen Köder für einen ungleich größeren Fisch: einen angesehenen muslimischen Charity-Mann, der möglicherweise Geld an islamistische Milizen lenkt. Mit seiner Bedachtsamkeit scheint Hoffmans Bachmann nicht mehr in die heutige Welt zu passen – 13 Jahre nach dem 11. September 2001, in einer Zeit, in der jeder Mensch verdächtig ist und alle Geheimdienste sich untereinander bespitzeln.
Seinen annähernd actionfreien Agententhriller inszeniert Anton Corbijn zunächst auf etwas sprunghafte, später immer stringentere leise Art. Seinem Hauptdarsteller bietet er damit großen Raum für feine Nuancen. Teils brummelt er knappe Sätze, oft mit zynischem Unterton gewürzt, teils strahlt er – im Kontakt mit seinen gefährdeten Informanten – etwas Väterliches aus. Bis aus ihm am Ende der geballte Frust über vergebliche Feinarbeit nach außen bricht, bewegt sich Hoffmans Ermittlerfigur durch ein Schattenreich aus Hinterhöfen, Hafenspelunken und engen Verhörzimmern, getaucht in düstere Farben. Wenn er schließlich in einer Szene allein in seiner Wohnung am Klavier sitzt und eine Melodie klimpert, dann ähnelt Hoffman darin den desillusionierten einsamen Wölfen des klassischen Film Noir. Szenen wie diese atmen pure Melancholie; dem großen, leisen Schauspieler bieten sie ein würdevolles Finale.

Text: Ulirke Rechel

Fotos: Senator Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „A Most Wanted Man“ im Kino in Berlin

A Most Wanted Man, Großbritannien/Deutschland 2014; Regie: Anton Corbijn; Darsteller: Philip Seymour ?Hoffman (Günther Bachmann), Rachel McAdams (Annabel Richter), Willem Dafoe (Tommy Brue); ?122 Min.

Kinostart: Do, 11. September 2014

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