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„Mr. Morgan’s Last Love“ mit Michael Caine

2013_Senator_Film

Einsamkeit ist neben körperlichen Gebrechen eines der bedrückendsten Probleme betagter Menschen. Sie kann, wie im Falle von Mister Morgan, zu einer Involutionsmelancholie genannten Psychose führen. Schwer erschüttert nach dem Krebstod seiner über alles geliebten Gattin und entfremdet von den in Amerika lebenden Kindern allein in einem Pariser Luxusappartement wohnend, verfällt der Witwer in schwere Depression. Er spricht kein Französisch, was zur Isolation beiträgt. Als ehemaliger Philosophieprofessor ist der noch rüstige alte Mann vertraut mit Albert Camus’ zentraler These „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord“ und er beginnt, sich ernsthaft damit aus­einanderzusetzen. Sein weltabgewandtes Dasein ändert sich, als er die juvenile Pariser Tanzlehrerin Pauline kennenlernt, die Englisch kann. Mit ihrer gutherzigen Offenheit, Vitalität und liebevollen Zuwendung beschert die lebenshungrige Mademoiselle dem lebensmüden Morgan noch mal Momente des Glücks.

Mit Michael Caine und Clйmence Poйsy (bekannt geworden als Fleur Delacour in den „Harry Potter“-Filmen) gelang der Hamburger Autorenfilmerin Sandra Nettelbeck eine optimale Besetzung des Protagonistenpaares bei ihrer freien Adaption von Françoise Dorners Roman „La douceur assassine“. Auch Justin Kirk als von Vater Morgan vernachlässigter und darob verbitterter Sohn beeindruckt mit einer vehementen Charakterdarstellung. Feinfühlig und nuanciert bringt Caine (Jahrgang 1933) die komplexe Persönlichkeit von Morgan zum Ausdruck: ein autoritär erzogener und von seiner privilegierten Ex-Stellung als Ordinarius an der US-Eliteuniversität Princeton geprägter, distinguierter Geisteswissenschaftler, der zum Starrsinn neigt und nicht frei von Standesdünkel ist. Poйsy betört mit natürlichem Liebreiz, Charme und entwaffnendem Lächeln als Pauline: ein beinahe engelhaftes Wesen. Als vermittelnde Figur in der zerrütteten Vater-Sohn-Beziehung übernimmt sie zeitweilig die Funktion, welche die Mutter zu Lebzeiten erfüllte – mit überraschendem Ergebnis.

Text: Ralph Umard

Foto: 2013 Senator Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Mr. Morgan’s Last Love“ im Kino in Berlin

„Mr. Morgan’s Last Love“ Deutschland/Belgien/Frankreich/USA 2013; Regie: Sandra Nettelbeck; Darsteller: Michael Caine (Matthew Morgan), Clйmence Poйsy (Pauline Laubie), Justin Kirk (Miles Morgan); 116 Minuten; FSK 0;

Kinostart: 22. August 

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