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„Mr. Nobody“ im Kino

In den kleinen Midraschim, einer Textsammlung von Bibelauslegungen aus der jüdischen Tradition, wird im Buch von der Erschaffung des Kindes davon berichtet, dass ungeborene Kinder allwissend sind und den Zeitpunkt ihres Todes kennen. Vor der Geburt legt ihnen ein Engel einen Finger auf die Lippen, woraufhin sie alles vergessen. Zurück bleibt jene Furche zwischen Nase und Oberlippe, deren Fehlen den Weisen oder den Wahnsinnigen markiert.
Für Nemo Nobody, den greisen Helden von Jaco van Dor­maels erstem Film nach 13 Jahren, ist noch nicht entschieden, zu welcher Gruppe er gehört. Für seine Umgebung im Jahre 2092 ist er ein medizinisches Kuriosum, „der letzte Sterbliche“, dessen Todesstunden live in die medial komplett vernetzte schöne neue Welt der gentechnisch konstruierten ewigen Jugend hinaus gesendet werden.
„Mr. Nobody“ ist ein nostal­gischer Science-Fiction-Film, der über die Zukunftsvision nicht genreüblich die Ängste der Gegenwart verarbeitet, sondern die Wunden der Vergangenheit zu heilen versucht. Das ausgehende 21. Jahrhundert sieht nicht zufällig genau so aus, wie es sich ein neunjähriger Comicleser um 1980 herum vorstellen mochte, denn erst die Unmöglichkeit, sich nach der Trennung der Eltern zwischen der wegfahrenden Mutter und dem zurückbleibenden Vater zu entscheiden, führt zu der traumatischen Zersplit­terung der Wirklichkeit, von der der Film erzählt.
Die Arbeiten des Belgiers Jaco van Dormael kreisen immer um den Kampf der Schwachen und Außenseiter um die Kontrolle über die eigene Biografie.  Schon in seinem ersten Film „Toto der Held“ ging es um die retrospektive Möglichkeit eines ganz anderen Lebens, wenn sich der gealterte Protagonist als im Krankenhaus vertauschter Sohn der Nachbarn einen ganz anderen Weg – ausgehend von der Wiege gleich nebenan – imaginiert.
Was in „Mr. Nobody“ zunächst wie ein hypertextuelles Vexierspiel anmutet, bei dem jedes angesprochene Konzept neue Bildwelten aufruft, eine leichtsinnige und lustvolle Erforschung des Kinos als Möglichkeitsmaschine, wird mehr und mehr
zu einer psychologischen, wenn nicht gar epistemologischen Nachforschung. Doch der überlange Film wirkt zunehmend zerfasert zwischen seiner anspruchsvollen erzählerischen Konstruktion, ernst gemeinter philosophischer Reflexion und einem Kaleidoskop von stilistischen und motivischen Querverweisen von „Metropolis“ und „2001“ bis „Matrix“ und Visionen der anthropologischen Endzeit а la Michel Houellebecq.
Der sterbende Nobody hadert mit der Zufälligkeit des Daseins und kommt nach der Sichtung aller Möglichkeiten, die in kühn verkeilten Rückblenden entfaltet werden, zu dem Schluss, dass Schicksal eine Frage des Timings ist. Letztlich wird die Liebe zum Maßstab für ein geglücktes Leben – das ist im Kino wenig originell und in diesem Film angesichts des Aufwands nachgerade banal.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Mr. Nobody“ im Kino in Berlin

Mr. Nobody, Deutschland/Frankreich/Belgien/Kanada 2009; Regie: Jaco van Dormael; Darsteller: Jared Leto (Nemo Nobody),
Sarah Polley (Elise), Toby Regbo (Nemo als Jugendlicher); 138 Minuten

Kinostart: 8. Juli

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