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„Mustang“ im Kino

Mustang

Die Schwestern Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay sind moderne junge Mädchen. Sie tragen Jeans und ihre Haare lang und offen, und die älteren der Teenager haben ihre Sexualität bereits entdeckt – bald schon werden ihre Flirts nicht mehr ganz harmlos sein. Doch das Herumgetolle mit den Jungs im Meer, das am Beginn des Dramas „Mustang“ der türkischen Regisseurin Deniz Gamze Ergüven steht, ist eher noch kindlich: ein bisschen Gerangel, viel Gekicher und ein paar nasse Blusen.
Doch das sieht die konservative Nachbarschaft in dem kleinen Ort an der türkischen Schwarzmeerküste offenbar anders. Als die Waisen, die bei ihrer Großmutter aufwachsen, nach Hause kommen, ist bereits der Teufel los. Die Mädchen werden für einen Jungfernschaftstest zum Arzt geschickt, und alsbald übernimmt ein patriarchaler Onkel das Regime. Schnell stecken die Schwestern in formlosen braunen Kleidern, und das Haus verwandelt sich in eine Mischung aus Gefängnis und Hauswirtschaftsschule. Nun scheint es nur noch ein Ziel zu geben: die Mädchen so schnell wie möglich zu verheiraten.
Das alles könnte ein finsteres Drama sein. Doch die Bilder sind sonnenlichtdurchflutet hell und suggerieren eine sinnliche Lebensfreude, die sich die Schwestern nicht nehmen lassen wollen. Am wenigsten die jüngste, Lale, aus deren Blickwinkel die Geschehnisse um die verschiedenen Schicksale ihrer Schwestern erzählt werden, und die ihren eigenen Freiheitsdrang nur umso mehr anstacheln. In seiner Stimmung vergleichbar ist der Film vor allem mit Sofia Coppolas „The Virgin Suicides“ (1999), in dem mehrere Schwestern in den USA von religiös fanatischen Eltern unter Verschluss gehalten werden, und der seine Geschichte trotz des im Titel implementierten tragischen Endes nicht selten mit einem tragikomischen Witz erzählt, der auch „Mustang“ nicht völlig fremd ist.
So entstehen Szenen von grandioser, manchmal verspielter, manchmal auch hilfloser Aufsässigkeit, etwa, wenn die ganze Mädchentruppe zu einem Fußballspiel ausbüxt (und die daheim gebliebene weibliche Verwandtschaft ihnen den Rücken freihält) oder wenn die Schwestern eine (Zwangs-) Hochzeitsgesellschaft einfach aus dem Haus aussperren und ihr Gefängnis damit kurzerhand in eine Festung verwandeln.
„Mustang“ ist kein realistischer Film. Ob das Leben an der türkischen Schwarzmeerküste nun genau getroffen ist, die Mädchen den richtigen Dialekt sprechen oder generell viel zu hübsch sind, erscheint eher zweitrangig. Kodrehbuchautorin Alice Winocour ist wie Französin und Regisseurin Ergüven in Frankreich aufgewachsen, die beiden vertreten westliche Werte, und ihr Film ist vor allem als eine Allegorie auf die Selbstbestimmung als nicht verhandelbares Menschenrecht zu verstehen. Dass dies in vielen Teilen der Welt immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, macht die Geschichte von „Mustang“ universell.
Dabei ist der Film viel mehr als nur platte Propaganda für mehr Frauenpower: ein schönes Porträt von weiblicher Jugend in einer desinteressierten Gesellschaft, das auch zeigt, dass für patriarchalische Strukturen nicht zuletzt auch Frauen mitverantwortlich sind – mit einer älteren Generation, die ihre dienstleistende Rolle so verinnerlicht hat, dass sie sie ganz selbstverständlich an die Nachwachsenden weitergibt.

Text: Lars Penning

Foto: Weltkino

Orte und Zeiten: „Mustang“ im Kino in Berlin

Mustang, Frankreich/Türkei/Deutschland 2015, 97 Min., Regie: Deniz Gamze Ergüven, Darsteller: Do?a Zeynep Do?u?lu, Güne? Nezihe ?ensoy, Do?a Zeynep Do?u?lu

Kinostart: Do, 25. Februar 2016

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