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„My Son, My Son, What Have Ye Done“ im Kino

MySonMySonWhatHaveYeDoneEin Lidschlag, ein Zittern, leises Atmen. Unvermittelt kommt der Stillstand, der Regisseur hat ihn aus dem Off befohlen, aus einer Laune beim Dreh heraus. Das Standbild mit Mutter, Sohn und Geliebter ist nicht perfekt, man kann noch die Unruhe der Schauspieler spüren, die vom „Freeze!“-Kommando überrascht wurden, während die Kamera immer weiterlief. Halb irre blicken Grace Zabriskie und Michael Shannon neben der niedergeschlagenen Chloë Sevigny ins Objektiv. Die diskreten Mittel, die das Spielfilmkino zur Herstellung seiner Illusionen gewöhnlich einsetzt, gelten hier nicht viel. Das still gestellte Bild ist das erste aus einer Serie von Tableaux vivants in „My Son, My Son, What Have Ye Done“, in denen Werner Herzogs Kino den Aggregatzustand ändert: In diesen Szenen verflüchtigt sich die Erzählung für einen Augenblick oder kristallisiert umgekehrt in einem bizarren Motiv aus. So wird der Regisseur später auch drei Figuren in einem kalifornischen Wald zwischen tausendjährigen Sequoia-Mammutbäumen platzieren – die passende Kulisse für seine Geschichte, in der sich Gegenwart und Mythos ständig durchdringen.

Werner Herzog, produktivster deutscher Filmemacher von internationalem Rang, hat inzwischen einen Status erlangt, der Festivals wieder nach jeder seiner Arbeiten greifen lässt, mit einer immer weiter wachsenden globalen Fangemeinde, die Sinn für seine exzentrischen Arbeiten entwickelt hat; gerade erst haben ihn „Die Simpsons“ mit einem Gastauftritt als traumatisierter, deutsch-amerikanischer Pharma-Drogen-Hersteller geadelt. Seit Jahren lebt Herzog, immer noch bayerisch verwurzelt, in Los Angeles, doch sein Horizont ist räumlich und zeitlich ohne Grenzen. Wenn er, wie in seiner jüngsten Doku „Cave of Forgotten Dreams“, neolithische Höhlenmalereien studiert, kombiniert er diese 3D-Bilder geschwinde mit den gammastrahlenden Zukunftsvisionen kommender Albino-Alligatoren. Und auch in „My Son, My Son, What Have Ye Done“ findet er umstandslos den Weg von der blutigen Crime Scene zurück ins Universum der griechischen Mythologie.
Die Story des im heutigen San Diego angesiedelten Films hat ein mit Herzog befreundeter Althistoriker von der Boston University geliefert. Auf einem Kongress hatte Herbert Golder von einem kalifornischen Schauspielstudenten gehört, der 1979 bei den Proben für Aischylos’ „Orestie“ eine Psychose entwickelte und seine Mutter mit einem Säbel erschlug – um mit diesem Opfer einen nuklearen Holocaust in der Nachbarschaft abzuwenden.

MySonMySonWhatHaveYeDone„Some people act a role, others play a part“, lässt Herzog den Mörder in seinem Film sagen, um dann weiter bruchlos zwischen der Belagerung des Täters durch die Polizei und den Rückblenden in die Zeit von Probenarbeit und Wahnentwicklung hin und her zu schweifen. Die seltsame Parallele zur Tragödie, in der Orest aus Rache für die Ermordung seines Vaters Agamemnon die eigene Mutter Klytemnestra tötet, prägte das Projekt von Anfang an, aber das reale Morddrama auf tiefenpsychologische Motive hin zu befragen, inte­ressiert Herzog nicht (er ist bekanntlich ein erklärter Feind der Psychoanalyse). Herzog nimmt den Wahn als Wahn, fragt nicht nach seinem Grund, sondern sucht lieber Anschluss an die antiken Dramen, ans Universum der gepeinigten Menschen, der Götter, Herrscher und Fabelwesen, die er in den Vorgärten San Diegos oder den Straußenfarmen kalifornischer Rednecks wiederfindet. Über die Verbrechenschronik verfügt er dabei so frei wie über das antike Material, aus dem er sich in den Theaterszenen (mit Udo Kier als Bühnenregisseur) sein eigenes Stück zusammenbaut.

Es ist die eigensinnige Aktualisierung eines antiken Festivalhits, die Herzog da im Guerillastil inszeniert: Ungeduldig bricht er mit den Konventionen des Crime-Movies, lässt die schaulustige Menge hinter der Tatortabsperrung wie einen griechischen Chor agieren, vor dem Chloë Sevigny ihre eigene, leicht hölzerne Vorstellung als Geliebte des Mörders abliefert, ganz passend zum Quellenmaterial. 458 v.Chr. gewann Aischylos mit seiner „Orestie“-Trilogie die Dionysien-Festspiele von Athen, deren Ursprungsmythos darin verhandelt wird. Die Aufhebung des Gewaltkreislaufs deutet der antike Dichter als Ursprung der Prosperität der Polis – die Göttin Athene leitet den Übergang von der archaischen Blutrache in die Welt zivilisierter, gnadenvoller Gerichtsbarkeit ein. Herzog scheint dieser Aspekt besonders gefallen zu haben: Seine Detectives (Willem Dafoe und Michael Peсa) sind besonnen agierende Figuren, die schließlich auch den irren Muttermörder mit angemessener Fürsorge behandeln.

Bei den Recherchen zum Drehbuch trafen Golder und Herzog auch den verurteilten Täter, der nach Jahren in der Psychiatrie nun im halboffenen Vollzug in einem Trailerpark in Südkalifornien lebt. Der Besuch in seinem Wohnwagen, dessen Wände über und über mit Zeitungsausschnitten, Zeichnungen und Notizen bedeckt waren, hielt für Herzog auch eine bizarre Begegnung mit dem eigenen Werk bereit, wie er in einer parallel zum Film entstandenen Dokumentation für die DVD erzählt. In einer Ecke des Raumes fand Herzog einen kleinen Altar mit einem Standbild Kinskis aus „Aguirre – Der Zorn Gottes“. „Der Typ ist nicht koscher“, war seine erschrockene Bilanz des Treffens. Von weiteren Begegnungen sah der sonst so unerschrockene Regisseur danach ab.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „My Son, My Son, What Have Ye Done“ im Kino in Berlin

„My Son, My Son, What Have Ye Done“ USA/Deutschland 2009; Regie: Werner Herzog; Darsteller: Michael Shannon (Brad McCullum); Chloë Sevigny (Ingrid), Willem Dafoe (Hank Havenhurst); 91 Minuten; FSK 12

Kinostart: 17. März

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