Dokumentarfilm

„Nachlass“ im Kino

Im Schatten der Ereignisse: Wie geht man mit den Erfahrungen der Elterngeneration um

Film Kino Text

Im Jahr 1941 ist Heinrich Himmler, Reichsführer der SS im ­nationalsozialistischen Machtapparat, in Minsk in Weißrussland. Es sind die ersten Monate des Angriffskriegs im ­Osten, die Deutschen beginnen, in den besetzten Ländern an der ­Realisierung ihrer Mordpläne zu arbeiten. Ein Foto aus dieser Zeit ­landet später auf dem Umschlag eines Buches über ­„Karrieren der Gewalt“. Hinter Himmler ist darauf ein Mann zu sehen, auf den vor allem ein Leser aufmerksam wird: Ulrich Gantz meint, seinen Vater zu erkennen. Er wartet drei Jahre, bis er es übers Herz bringt, sich an den Herausgeber zu wenden. Auf diese Weise bekommt er auch offizielle Bestätigung: Sein Vater hat in unmittelbarer Nähe zu Heinrich Himmler gearbeitet, sein Vater war an den deutschen Verbrechen beteiligt.

Was macht das mit einem Sohn? Christoph Hübner und ­Gabriele Voss beschäftigen sich in ihrem Dokumentarfilm „Nachlass“ mit der Vererbung von Geschichte. „Transgenerationelle Weitergabe von Gefühlen“, so nennen das Psychologen. In einigen Fällen ist der Nachlass auch ganz buchstäblich zu verstehen, dann holt jemand einen alten Koffer vom Speicher, darin befinden sich Fotos, Briefe, Dokumente. Bald werden auch die allerletzten ­Täter und Überlebenden aus dieser Zeit gestorben sein, und die Kinder der damaligen Generation sind im Rentenalter. Das heißt aber keineswegs, dass die Vergangenheit bewältigt ist – auch wenn, das zeigt der Film ebenfalls, bei der offiziellen Vergangenheitsbewältigung in den Gedenkstätten viel gute Arbeit geschieht.

In erster Linie ist das aber ein Film mit „Talking Heads“, wie das in der Filmbranche genannt wird. Zu viele „sprechende Köpfe“, das gilt als nicht gut. Dabei sieht man hier wieder einmal, dass es ungeheuer spannend sein kann, Menschen dabei zuzusehen, wie sie Gedanken formulieren, wie sie reden und sich erinnern. Der Vater des Malers Jürgen Grislawski war Flieger, er sagt: „Im Schatten dieser Ereignisse bin ich groß geworden.“ Zwei Psychologen, die Frau aus einer Täterfamilie, der Mann aus einer Opferfamilie, sitzen einander gegenüber und sprechen auf dem Niveau ihrer Ausbildung über ihre Erfahrungen, das heißt: Sie versuchen sich ständig neu bewusst zu machen, warum sie etwas so empfinden, wie sie es empfinden. Jeder Mensch lebt mit „Aufträgen“ von den Eltern, die ein- oder aufzulösen eine Lebensaufgabe darstellt. In Deutschland gibt es darüber hinaus aber auch einen gesellschaftlichen Auftrag.

Gerade vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse bekommt der Film „Nachlass“ eine besondere Dringlichkeit: Denn man sieht, in der Vertretung durch einige sehr offen von sich und ihren ­Eltern sprechenden Menschen, ein Land, das viel gelernt hat. Diese ­Lernerfolge stehen immer wieder auf dem Spiel. Man erkennt auch markante Punkte in der Generationenspannung: Das Jahr 1968 ist inzwischen 50 Jahre her. Die Generation von 1968 näherte sich ihrem Nachlass kämpferisch und häufig aggressiv. Die Generation, die hier gezeigt wird, geht mit ihren Nachlässen sehr nachdenklich um. Dieser Nachdenklichkeit gibt dieser Film eine exzellente Form.

Nachlass D 2017, 108 Min., R: Christoph Hübner, Gabriele Voss, Start: 27.9.

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