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„Nächster Halt: Fruitvale Station“ im Kino

Nächster Halt: Fruitvale Station

Es ist in den USA fast schon traurige Routine, wenn junge, unbewaffnete Schwarze von Weißen erschossen werden. Man erinnert sich an den Tod des Ghanaer Studenten Amadou Diallo, der 1999 vor seiner Haustür in New York von Polizisten mit 19 Kugeln regelrecht hingerichtet wurde (41 Schüsse wurden insgesamt auf ihn abgegeben), oder an den spektakulären, skandalösen Fall des 17-jährigen Trayvon Martin, der 2012 von dem Weißen George Zimmermann in Florida erschossen wurde. Barack Obama hatte die Tat damals kommentiert und gesagt, Trayvon Martin hätte er selbst vor 35 Jahren sein können. Oft sind die Umstände solcher Taten irgendwie vage, die Aussagen der Täter stehen einer meist undeutlichen Beweislage gegenüber. Als Erklärung und Entschuldigung der Schützen reichen Angstgefühle oder juristische Details; George Zimmermann konnte sich erfolgreich auf Floridas „Stand your ground“-Gesetz berufen, das auch tödliche Waffengewalt zulässt, wenn man sich bedroht fühlt oder sein Eigentum in Gefahr sieht.
Im Fall des am Neujahrsmorgen des Jahres 2009 in Oakland von einem Eisenbahnpolizisten erschossenen Oscar Grant gab es viele Zeugen, Handyfotos und -videos. Der 22-jährige Grant wurde damals am Fruitvale-Nahverkehrsbahnhof mit Freunden aus dem Silvester-Zug geholt. Nach lauten Diskussionen zwischen den vorübergehend festgehaltenen Schwarzen und den Sicherheitsleuten hatte der Bahnpolizist Johannes Mehserle dem unbewaffnet am Boden liegenden Grant in den Rücken geschossen, trotz Not-OP war er nach wenigen Stunden tot.
Nächster Halt: Fruitvale StationMit dokumentarischen Aufnahmen des Gerangels und Geschreis auf dem Bahnhof Fruitvale beginnt das Spielfilm-Debüt des 27-jährigen Regisseurs Ryan Coogler. Der afro-amerikanische Filmemacher ist in Oakland aufgewachsen und im gleichen Jahr wie Oscar Grant geboren worden, für Coogler war dessen Tod eine persönliche Sache – Grant, das hätte wohl auch er selbst sein können. Der Filmemacher bekam für sein Projekt und die wahre, wichtige Geschichte früh viel Unterstützung: Forest Whitakers Produktionsfirma finanzierte „Fruitvale Station“, Coogler bekam zusätzliche Gelder aus lokalen Filmförderprogrammen und mit Michael B. Jordan und Octavia Spencer durchaus prominentes Personal.
Coogler erzählt seine Geschichte als Chronik eines absehbaren Todes, „Nächster Halt: Fruitvale Station“ zeichnet die letzten Stunden vor Oscar Grants Erschießung nach. Für den jungen Schwarzen (Jordan) ist dieser Silvester-Tag dabei kein besonders guter: Der Versuch, seinen gekündigten Job an der Fleischtheke eines Supermarkts zurückzubekommen, scheitert; seine Freundin Sophina (Melonie Diaz), Mutter einer gemeinsamen Tochter, macht Oscar schwere Vorwürfe wegen seines Lebenswandels, einer vergangenen Affäre und seiner gelegentlichen Marihuana-Dealerei. Oscar nimmt das mit traurigem Blick und durchaus selbstkritischer Haltung an, eigentlich ist er ein netter Kerl, sensibel, liebevoll, hilfsbereit.
Nächster Halt: Fruitvale StationAls er mit Freunden und Freundin zum Jahreswechsel in die Stadt will, drängt seine Mutter sie dazu, nicht das Auto, sondern den Zug zu nehmen. So nimmt das Schicksal seinen Lauf: Um Mitternacht stecken Oscar und Co im übervollen Waggon, es gibt eine spontane Party, aber auch aggressives Geschubse mit einem ehemaligen Knast-Gegenspieler. Am Bahnhof Fruitvale hält die Eisenbahnpolizei den Zug an und holt fast wahllos vermeintliche Störenfriede heraus, darunter Oscar und einige seiner Freunde. Die Stimmung ist gereizt und aufgeladen, die jungen Schwarzen verstehen nicht, warum sie festgehalten werden, Oscar liegt auf dem Bahnsteig bald mit gefesselten Händen auf dem Bauch, dann fällt schon der Schuss. Oscar kommt ins Krankenhaus, wo er stirbt; eingespielte Archiv-Aufnahmen zeigen friedliche Proteste, Texttafeln skizzieren das Nachspiel.
Filmisch ist das etwas ungelenk, über weite Strecken ist es Michael B. Jordans punktgenaue Darstellung, die „Nächster Halt: Fruitvale Station“ davor bewahrt, in Kitsch und Klischees abzurutschen. Problematisch ist aber der Umgang mit den Fakten: Statt seinen meist quasi-dokumentarischen Bildern eine nüchterne Schilderung der Sachlage gegenüberzustellen, lässt Ryan Coogler vieles weg und dichtet einiges dazu. Nichts erfährt man hier von Oscar Grants Vorstrafen oder den eben auch gewaltsamen Ausschreitungen nach seinem Tod; Indizien, die andeuten, dass der Schuss ein Unfall war (Polizist Mehserle hatte erklärt, eigentlich seinen Taser einsetzen zu wollen, weil Grant zu seinem Hosenbund gegriffen habe), bleiben unerwähnt. So macht Coogler aus dem Fall ein selbstgerechtes, idealisiertes Heiligenbild: Spätestens, wenn er Grant auf dem Sterbebett noch einmal an die Tochter denken lässt und beide noch mal in Zeitlupe ins Bild kommen, gewinnt der Film fast propagandistische Züge. Das ist unnötig und bitter, weil es komplexe Wahrheit auf Holzschnitte reduziert. Denn selbst wenn Oscar Grant kein Held oder Vorzeige-Typ gewesen wäre – niemand hat verdient, so sinnlos ums Leben zu kommen.

Text: Thomas Klein

Fotos: Ron Koeberer / 2013 The Weinstein Company / DCM

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Nächster Halt: Fruitvale Station“ im Kino in Berlin

Nächster Halt: Fruitvale Station (Fruitvale Station), ?USA 2013; Regie: Ryan Coogler; Darsteller: Michael B. Jordan (Oscar Grant), Melonie Diaz (Sophina), Octavia Spencer (Wanda); ?85 Minuten; FSK 12

Kinostart: 1. Mai

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