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„Nairobi Half Life“ im Kino

Nairobi Half Life

Die Story gehört zum Standardrepertoire des Gangsterfilms: Der naive Junge vom Lande kommt mit dem Traum vom schnellen Erfolg in die große Stadt, lernt ein paar bittere Lektionen, schafft nach einigen dramatischen Wendungen aber noch den Ausstieg aus der Kriminalität. „Nairobi Half Life“ – gerade nominiert als Kenias Kandidat für den Auslandsoscar – erzählt diese Geschichte souverän und konsequent, lässt sie aber ganz frisch und unmittelbar erscheinen.
Der titelgebende Schauplatz des Films, die westafrikanische Metropole Nairobi, wird inszeniert als ein von Gewalt und Korruption geprägtes Gangland. Regisseur Tosh Gitonga entwickelt in seinem ersten Spielfilm, der durch Tom Tykwers Afrikaprojekt One Fine Day Films ermöglicht wurde, aus der Zersplitterung des öffentlichen Raumes ein beeindruckendes kubistisches Realitätsmodell. Die genretypischen Gruppen­tableaus mit ihren Posen und Ritualen öffnen sich zum unübersichtlichen afrikanischen Alltag, in dem die Markierungen der globalisierten Moderne nur ein Zeichenkosmos unter vielen sind. Aus dieser Kombination von vertrautem Erzählgestus und exotischer Lebenswelt entsteht eine Art umgekehrter Verfremdungseffekt, den der Film durch selbstreflexive Volten noch weiter ausarbeitet. Denn der junge Mwas verlässt sein Dorf, um Schauspieler zu werden. Diese Leidenschaft hat sich entzündet an den illegalen DVDs internationaler Blockbuster, die er zu Hause auf dem Dorf vertickt und deren Umsatz er durch live dargestellte Teaser der zentralen Actionszenen fördert. Und tatsächlich überzeugt er den Regisseur einer progressiven Theatergruppe, der ihn, ohne von seiner kriminellen Karriere zu wissen, aus habitueller Anmutung und in schönster repräsentativer Tautologie als Einbrecher besetzt. Sein Stück stellt dabei das Eindringen in fremde Häuser als angesichts sozialer Ungerechtigkeit angemessene politische Intervention dar. So webt „Nairobi Half Life“ ein dichtes Geflecht kultureller Bezüge um einen gradlinigen Gangsterplot herum, verbindet packende Unterhaltung mit einer Botschaft: Das Leben selbst wird beschädigt, kann nur ein halbes sein, wenn ihm eine stabile materielle und gesellschaftliche Grundlage fehlt.

Text: Stella Donata Haag

Foto: One Fine Day Films 

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Nairobi Half Life“ im Kino in Berlin

Nairobi Half Life, Kenia/Deutschland 2012; Regie: Tosh Gitonga; Darsteller: Joseph Wairimu (Mwas), Olwenya Maina (Oti), Nancy Wanjiku Karanja (Amina); 96 Minuten; FSK 12

Kinostart: 11. Oktober

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