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Nanni Moretti im Gespräch

Nanni Moretti

tip Herr Moretti, in „Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“ geht es um einen Störfall im meistens makellosen Protokoll des
Vatikans. Ein Papst wird bestellt, zögert aber, das Amt anzunehmen. Beim letzten Amtswechsel von Johannes Paul II. auf Benedikt XVI. ging alles ziemlich problemlos. Wie kamen Sie trotzdem auf den Gedanken, über dieses Thema einen Film zu machen?
Nanni Moretti Ich habe einen Film über die Krise eines Mannes gemacht, darauf baut alles auf. Diese Krise findet allerdings unter außergewöhnlichen Umständen statt, weil die ganze Welt darauf schaut, davon aber nichts erfahren soll. Die Szenen vom Begräbnis von Karol Wojtyla haben mich dabei durchaus inspiriert, diese aufgewühlte Anteilnahme einer breiten Masse an diesem Geschehen. Ich habe versucht, das aus der Perspektive von innen zu verstehen. Und ich habe mich gefragt: Wie tritt man die Nachfolge eines sehr beliebten Vorgängers an?

tip Hat Sie dabei auch der Gedanke gereizt, dass die Kirche als Institution etwas sehr Komisches hat, wenn man sie ein wenig anders ansieht als gewohnt?
Nanni Moretti Mir ging es nicht gleich um Komik, sondern mich interessiert eine Institution, in der die Repräsentation sehr wichtig ist. Was passiert, wenn die Repräsentation nicht mehr funktioniert? Der leere Balkon auf dem Petersplatz ist für mich ein zentrales Bild des Films. Aber natürlich gibt auch ein aufgescheuchtes Rudel älterer Männer in roten Roben da etwas her.

Habemus Papamtip Da muss man gleich eine technische Frage dazu stellen. Denn im Vatikan selbst werden Sie ja wohl nicht gedreht haben. Wie haben Sie die Frage der Schauplätze gelöst?
Nanni Moretti Wir haben an Orten in Rom gedreht, die sich als Ersatz für den Vatikan anboten. Sehr wichtig war der Palazzo Farnese, in dem sich die französische Botschaft befindet. Die haben wir drei Monate „besetzt“. Normalerweise darf man da ohne wichtigen Grund nicht hinein, Besucher haben da keine Chance. Und wir haben da den Betrieb doch ganz schön durcheinandergebracht. Die Sixtinische Kapelle haben wir nachgebaut, die Außenaufnahmen sind alle in Cinecittа gemacht worden.

tip Michel Piccoli spielt den neuen Papst – eine sehr überzeugende Besetzung. Musste er überredet werden?
Nanni Moretti Nein. Ich begann an ihn zu denken, nachdem ich die erste Version des Drehbuchs abgeschlossen hatte. Beim Schreiben hatte ich ihn noch nicht vor Augen. Er hat gleich zugesagt, es ging dann vor allem darum, ob er ausreichend Italienisch spricht, und das war der Fall.

tip Der neue Papst trägt als Kardinal den Namen Melville. Dahinter steckt vielleicht eine Spur – dachten Sie da an den Verfasser von „Moby Dick“ und „Bartleby“?
Nanni Moretti Nein, das war anders. Ich war zwei Jahre Direktor des Filmfestivals in Turin, ein Festival, bei dem der Kontakt mit dem Publikum noch echt funktioniert, und dort gab es eine Retrospektive mit dem Filmen von Jean-­Pierre Melville, der französische Film Noirs und politische Thriller gemacht hat. Sein Name gefiel mir, also verwendete ich ihn vorläufig beim Schreiben und blieb dann auch dabei. Aber alle denken an den Schriftsteller Melville.

tip Das könnte damit zu tun haben, dass der zentrale Satz des Films an ihn erinnert. Melville sagt ja mehrfach: „Ich schaffe das nicht“ – „Non ce lo faccio“. Da könnte man an den kanonisch gewordenen, vieldiskutierten Satz von Bartleby denken: „Ich möchte lieber nicht.“
Nanni Moretti Das stimmt, aber das fiel mir wirklich erst später auf.

tip Es gibt insgesamt eine hübsche Komik der Namen in „Habemus Papam“. Wie kamen Sie auf Brummer, den Deutschen? Oder auf Kardinal Todorov, der vermutlich kein strukturalistischer Linguist ist wie sein Namensvetter?
Nanni Moretti Bei Todorov musste ich tatsächlich an Tzve­tan Todorov denken, aber vor allem deswegen, weil wir einen bulgarischen Komparsen namens Todorov dabeihatten. Und bei Brummer wie bei vielen anderen Namen habe ich mich von Sportlern inspirieren lassen, die 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom dabei waren. Valeri Brumel war ein Hochspringer, und dann gab es da noch diesen Marathonläufer aus Äthiopien, der barfuß die Goldmedaille gewann: Abebe Bikila. Der ist jetzt auch ein Kardinal, jedenfalls in meinem Film.

Interview: Bert Rebhandl

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 26/11 auf den Seiten 38-40.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Habemus Papam“ im Kino in Berlin

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