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„Naokos Lächeln“ im Kino

Naokos Lächeln

Oft genügt ein Song oder auch nur eine einzige Textzeile, um längst verloren geglaubte Gefühle und Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen. In Tran Anh Hungs „Naokos Lächeln“, der Adaption von Haruki Murakamis gleichnamigem Weltbestseller aus den 1980er-Jahren, ist dieser Song „Norwegian Wood“ von den Beatles. Er transportiert jene nostalgische Melancholie, mit der auch die Hauptfigur Toru Watanabe (Kenichi Matsuyama) auf seine große komplizierte Liebe zu Naoko (Rinko Kikuchi) zurückblickt, die überschattet war vom Selbstmord ihres gemeinsamen Freundes Kizuki.
„Naokos Lächeln“ zeigt, wie Toru nach diesem tragischen Ereignis nach Tokio flüchtet. Als er dort Naoko eines Tages wiedersieht, merkt er, dass ihn die Gefühle für die psychisch zerbrechliche junge Frau nicht loslassen – auch nicht, als er Midori kennenlernt, die ganz anders ist, strahlend, deutlich unbekümmerter, aber mit eigentlich anderweitig vergebenem Herz. Während sich Toru zwischen zwei unterschiedlichen Frauen bewegt und eine Entscheidung treffen muss, rotieren die Gefühle in diesem schwierigen Dreieck an der Schwelle des Erwachsenwerdens zwischen Nähe und Distanz, Liebe und sexuellem Verlangen – stets durchdrungen vom Schmerz des großen Verlustes.
Dass Tran Anh Hung seine Geschichten gern in überaus ästhetisierte Kompositionen fasst, hat der vietnamesische Filmemacher seit seinem Debüt mit „Der Duft der grünen Papaya“ (1993) wiederholt gezeigt. Auch Murakamis Vorlage hat er nun in einen sinnlich meditativen Bilderbogen mit durchweg modelhübschen  Schauspielern übersetzt: Verschmolzen mit der ungewöhnlichen, starken Musik von „Radiohead“-Gitarrist Jonny Greenwood wird darin jede Einstellung, jeder Moment in Arrangements von erlesener, fast schon gemalter Schönheit eingefangen. Ganz gleich, ob es das Gras ist, wie es sich sanft im rauschenden Wind wiegt oder das 60er-Jahre-Ambiente, das in weich intensivierten Farben schimmert.
Diese visuelle Kraft trägt „Naokos Lächeln“ zwar ein ganzes Stück. Letztlich aber bleibt der Film doch eine recht distanzierte Abfolge zunehmend leerer erscheinender Impressionen aus der komplizierten Jugend zweier beschädigter Seelen. Mit einer gewissen Gleichgültigkeit verfolgt man so die Gefühlswirren, deren Tieftraurigkeit stets ausgestellt sichtbar, aber kaum spürbar ist.

Text: Sascha Rettig

Foto: Pandora Filmverleih

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Naokos Lächeln“ im Kino in Berlin

Naokos Lächeln (Noruwei no mori), Japan 2010; Regie: Tran Anh Hung; Darsteller: Ken‘ichi Matsuyama (Toru Watanabe), Rinko Kikuchi (Naoko), Kiko Mizuhara (Midori); 133 Minuten; FSK 12

Kinostart: 30. Juni

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