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Naomi Watts im Interview

Naomi Watts

tip Mrs. Watts, in „Fair Game“ verkörpern Sie die CIA-Agentin Valerie Plame, die wegen ihrer kritischen Einstellung zum Irakkrieg durch das Umfeld der Bush-Regierung enttarnt wurde. Was zeigt der Film, der auf einem Buch von Plame beruht, was man noch nicht aus den Nachrichten weiß?
Naomi Watts Gerade in Amerika ist jedes Kind mit der Plame-Affäre vertraut, weshalb wir uns peinlich genau nur an dokumentierte Fakten und Gesprächsprotokolle hielten. Regisseur Doug Liman stammt aus einer Familie von Anwälten – er wusste also nur zu genau, dass Spekulationen in der Story keinen Platz haben, auch wenn es garantiert weitere Hintermänner gibt als diejenigen, die schließlich für die Verfehlungen gegen sie einstehen mussten. Doch die offizielle Chronik hat Sprengkraft genug. Wenn es nach Valerie Plame ginge, würde sie noch heute unentdeckt für ihr Land arbeiten, während viele der Beamten, die sie aus politischen Gründen opferten, bis heute im Weißen Haus arbeiten. Obama hat etliche Bush-Beamte übernehmen müssen. Und auch wenn es Valerie nicht mehr helfen wird – vielleicht kann „Fair Game“ zeigen, dass Korrumpierbarkeit im Zentrum der Macht immer eine Gefahr ist und reale Schicksale zerstört werden.

tip Haben Sie viel Zeit mit Valerie Plame verbracht, um sich mit ihrer Geschichte vertraut zu machen?
Naomi Watts Sie war eine der Beraterinnen unseres Filmes und erklärte uns sehr geduldig, dass die CIA rein gar nichts mit James Bond oder „Mr. & Mrs. Smith“ zu tun hat. Es hat in unseren Gesprächen auch einige Zeit gedauert, bis ich ihr nahekam. Als geschulte Spionin weiß sie natürlich genau, wem sie wie viel von sich zeigt, und ich hatte lange Zeit Sorge, dass sie mich als naives Schauspielmäuschen ja gar nicht ernst nehmen würde. Doch irgendwann räumten wir die Vorsicht und die Politik beiseite, stellten eine Flasche Wein auf den Tisch und sprachen über die Details, die kein Reporter der Welt aufschreiben konnte. Ich wollte wissen, wie sie sich fühlte, als sie öffentlich an den Pranger gestellt wurde, und welche Auswirkungen der Fall auf ihre Ehe und Kinder hatte.

Naomi Wattstip Glauben Sie, sie hat Ihnen immer die Wahrheit gesagt?
Naomi Watts Sie hat auf jeden Fall genug mit mir geteilt, um mich eine faszinierend vielschichtige Frau spielen zu lassen. Die Plame-Story wäre auch erzählenswert, wenn sie sich nicht in Washington und ohne Einfluss auf die globale Lage zugetragen hätte. Die Frau wurde attackiert wie ein Staatsfeind, man hat ihre Karriere zerstört. Doch selbst auf verlorenem Posten bewahrte sie ihre Würde und stellte sich selbstbewusst allen Anfeindungen. So ist „Fair Game“ bei aller Politik für mich vor allem eine Lektion darüber, sich von keinerlei Widerständen brechen zu lassen.
tip Es heißt nach vielen Flops, dass das politische Kino kommerziell tot sei. Haben Sie noch Hoffnung auf Wiederbelebung?
Naomi Watts Gestern wurde ich gefragt, ob Sean Penn als bekennender Linker eine schlechte Wahl sei, weil er automatisch einen propagandistischen Stoff signalisiere. Welch ein Unsinn! Wir alle wollen ihn sehen, weil er einer der besten Schauspieler der Welt ist. Die politische Haltung eines Schauspielers braucht niemanden zu interessieren – doch es wäre fatal, wenn es plötzlich keinen Platz mehr für Filme geben würde, die den Menschen und der Wahrheit hinter den Schlagzeilen nachspüren.

tip Sie feierten Ihren Durchbruch in „Mulholland Drive“, den eine prominente Jury der britischen Times zum besten Film der Nullerjahre kürte. Hatten Sie bei der Arbeit mit David Lynch je das Gefühl, dass hier ein Meisterwerk entstehen könnte?
Naomi Watts Ich spürte natürlich, dass ich mit dieser Rolle eine große Chance bekommen hatte, dass die ganze Branche sich sehr genau ansehen würde, was ich da so machte. Und das machte mich nur noch nervöser. Ganz zu schweigen von den sehr intimen Szenen, in denen ich mich befriedigen oder eine andere Frau küssen musste. Doch David war stets ein formvollendeter Gentleman, der mir geduldig den Weg zeigte, eine Frau zu spielen, deren Unschuld im Laufe der Story sichtlich erodiert, bis ihre nackte Seele zu spüren ist. So weit kann man sich nur treiben lassen, wenn man dem Regisseur vertraut wie einem engen Familienmitglied. Dass „Mulholland Drive“ ein Meilenstein seines Schaffens würde, hatte ich höchstens gehofft. Ganz sicher aber hat es lange gedauert, bis ich eine kreativ ähnlich erfüllende Erfahrung machte.

Naomi Wattstip Zuletzt standen Sie für Woody Allens „You Will Meet A Tall Dark Stranger“ vor der Kamera. Haben die Inszenierungsstile eines jungen Wilden wie Doug Liman und eines Veteranen wie Allen noch etwas miteinander gemein?
Naomi Watts Auf den ersten Blick nicht, das sehe ich auch so. Doug zum Beispiel findet seine Bilder in einer ungeheuren Masse an Rohmaterial und beginnt einen schon mit der Kamera zu verfolgen, sobald man ungeschminkt am Set erscheint (lacht). Woody Allen hingegen ist sehr präzise und reduziert seine Drehzeit auf das Nötigste. Und wo er in Pausen lieber schäkert oder Zeitung liest, testet ein technophiler Regisseur wie Doug eher ein paar Linsen, weil er auch den Look eines Filmes ständig wechselnden Drehbedingungen anpasst. Doch für beide gilt, was ich über David Lynch sagte – sie verstehen es, kostbare Vertrauensverhältnisse aufzubauen und immer genau zu kommunizieren, was sie von Schauspielern brauchen.

tip Es fällt auf, dass Sie mit der Ausnahme von „King Kong“ das populäre Special-Effects-Kino meiden. Eine bewusste
Entscheidung?
Naomi Watts Ich liebte es, mit Peter Jackson zu arbeiten, der selbst unter größtem Druck eine Atmosphäre schafft, als hinge man mit ein paar Freunden beim Barbecue herum. Aber ich wäre ein glücklicher Mensch, wenn ich es für lange Zeit vermeiden könnte, an Drähten vor einer grünen Leinwand zu hängen und auf unsichtbare Einflüsse zu reagieren. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich ziehe es vor, mit Kollegen zu interagieren, und ich sehe mit Sorge, dass Hollywood blind der Ästhetik von Videospielen folgt. Ich weiß auch nicht, ob es ein Fortschritt ist, wenn im Computer jede schauspielerische Performance geschliffen werden kann. Es fühlt sich an wie Schummeln. Wenn man hingegen mit einem Regisseur wie Tom Tykwer oder Michael Haneke an einer Szene arbeitet, total übermüdet und mit der Uhr im Nacken, und dann plötzlich zusammen ein drama­turgisches Problem löst – dann sind das die Momente, in denen ich mir keinen besseren Job der Welt wünschen könnte.

Interview: Roland Huschke

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Fair Game“ im Kino in Berlin

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