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„Napoleon“ und „Austerlitz“ von Abel Gance

Napoleon

Drei Jahre lang drehte der französische Regisseur Abel Gance mit 180 Darstellern, Tausenden von Komparsen und Hunderten von Technikern und machte seinen „Napoleon“ zum monumentalsten Avantgardefilm aller Zeiten. Rund sechs Stunden lang war die in Kameraführung und Montage einer durchaus experimentellen Technik verpflichtete Filmbiografie des französischen Generals und späteren Kaisers, die Gance dem Premierenpublikum 1927 in Paris vorführen ließ – dabei handelte der Film lediglich Napoleons frühe Jahre bis zu seinem Italienfeldzug im Jahr 1796/97 ab. Fünf weitere Filme waren geplant, wurden jedoch nicht mehr realisiert.
Aber auch dem abgedrehten Film erging es zu Beginn der anbrechenden Tonfilmära nicht gut: Immer wieder wurde „Napoleon“ gekürzt und umgeschnitten, schließlich zerstreute sich das Material in alle Winde. Erst in den 1970er Jahren konnte der britische Filmhistoriker Kevin Brownlow nach jahrelanger Kleinarbeit „Napoleon“ der ursprünglichen Version wieder annähern. Für eine von Francis Ford Coppola verantwortete kommerzielle Kinoauswertung wurde die Brownlow-Fassung dann allerdings auf etwa vier Stunden gekürzt und mit einer eintönig-bombastischen Musik von Coppolas Vater Carmine versehen, die auf plumpe Weise das Pathos des Films illustriert und doppelt. Leider handelt es sich bei der vorliegenden DVD in der ARTHAUS PREMIUM EDITION um ebendiese dreißig Jahre alte Version inklusive amerikanischer Zwischentitel; eine neuere Rekonstruktion durch die Cinйmatheque française greift da beispielsweise auf die Originalpartitur von Arthur Honegger mit Ergänzungen seines Schülers Marius Constant zurück.
Nichtsdestoweniger ist der Film – wenn man sich an dem nationalistischen Pathos und dem ungetrübt unkritischen Blick auf den Helden nicht stört – ein Geniestreich: Die Kameras tanzen und schaukeln auf dem Ball der Opfer der Terrorherrschaft herum, fahren mit dem Rückstoß von Kanonen mit, sind auf dem Rücken von Pferden festgeschnallt und lugen vom Mast eines Schiffes herunter: pure Bewegung. Als innovativ erweist sich Gance auch im Umgang mit Bildformaten, vor allem in der Verwendung des Polyvision-Verfahrens, eines frühen Breitwand-Experiments: Mit drei Kameras separat aufgenommene und später simultan auf drei Leinwände projizierte Bilder boten ihm die Möglichkeit, entweder – wie in den Sequenzen von Napoleons Italienfeldzug – ein gewaltiges Panorama zu schaffen oder wie bei einem Triptychon das mittlere Bild durch die „Seitenflügel“ zu kommentieren.
Das Thema Napoleon ließ den 1981 im Alter von 92 Jahren verstorbenen Gance zeitlebens nicht mehr los: Nicht nur, dass er über die Jahre sein Stummfilmmaterial auch selbst immer wieder in neuen Versionen herausbrachte (zuletzt eine Tonfassung mit dem Titel „Bonaparte et la Rйvolution“ im Jahr 1971), auch der Monumentalfilm „Austerlitz – Glanz einer Kaiserkrone“ aus dem Jahr 1960 widmet sich noch einmal einer „Heldentat“ Napoleons, der gewonnenen Schlacht des Kaisers gegen Österreicher und Russen im Jahr 1805. Immerhin vom französischen Meisterkameramann Henri Alekan fotografiert, kann das Starspektakel dennoch nicht an die Dynamik von Gances Stummfilm heranreichen und präsentiert sich als allenfalls solides und ein wenig redseliges Historienspektakel.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung „Napoleon“:
Film: Herausragend
DVD: Annehmbar

tip-Bewertung „Austerlitz“: Annehmbar

Napoleon (Napolйon vu par Abel Gance), Frankreich 1927; Regie: Abel Gance; ca. 222 Minuten. Erschienen bei Arthaus

Austerlitz – Glanz einer Kaiserkrone (Austerlitz), Frankreich/Italien 1960; Regie: Abel Gance; ca. 164 Minuten. Erschienen bei Arthaus

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