Kino & Stream

Nazis hinterm Mond: „Iron Sky“ im Kino

Iron Sky

Wir haben es schon immer gewusst: Nazis leben hinter dem Mond. Auf die dunkle Seite des Erdtrabanten sind einige von Adolfs Spießgesellen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Reichsflugscheiben geflüchtet. 2018 werden sie zufällig von einer US-Mondmission entdeckt und sehen sich nun gezwungen, erneut nach der Weltherrschaft zu gieren.
Wenn die Zeppelin-Raumschiffe der Mondnazis zur bombastischen Musik des slowenischen Industrial-Urgesteins Laibach majestätisch durch das Weltall gleiten, wird einem das subversive Potenzial bewusst, das in einem Film steckt, der sich befreiend sorglos faschistischer Ästhetik bemächtigt. Die Aneignung und Entweihung von Nazi-Symbolen durch Jugend- und Subkultur ist in Deutschland nie verstanden und aus Ignoranz verboten worden. Geschmacklose Nazi-Exploitation-Klassiker der 70er-Jahre wie „Ilsa – She Wolf of the SS“ oder „Gestapo’s Last Orgy“ sind nie in Deutschland veröffentlicht worden. Es mag also die Angst der deutschen Investoren oder die Furcht vor der Macht der eigenen Bilder gewesen sein, die den finnischen Regisseur Timo Vuorensola bewogen hat, inhaltlich eine Prise zu viel politische Korrektheit und platte Albernheiten in sein Erstlingswerk zu streuen. Doch ein geschmackloser Witz kann nur zünden, wenn man sich nicht gleichzeitig dafür entschuldigt.
Die digitalen Spezialeffekte sind für eine Produktion dieses Kalibers dafür erstaunlich gut. Sogar zu gut. Denn sie hieven den Film formal in eine Liga mit Hollywood-Blockbustern. Doch da kann „Iron Sky“ mit seinen charmant unbeholfenen B-Film-Schauspielern und der holprigen Dramaturgie überhaupt nicht mithalten. Der Film ist nicht mehr als die technisch aufgeblasene Langfassung der originellen Werbetrailer, die man schon seit Jahren im Netz bewundern kann und die als fruchtbare Basis für das Fan-Crowdfunding dienten. „Iron Sky“ sieht zwar aus wie „Transformers“, ist aber mit Witzfiguren aus dem Quatsch Comedy Club besetzt. Der erste Film, von dem ich mir ein bierernstes US-Remake von Hardliner Michael Bay wünschen würde.

Text: Jörg Buttgereit

Foto: Mika Orasmaa / 2012 polyband Medien

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Iron Sky“ im Kino in Berlin

Iron Sky, Finnland/Deutschland/Australien 2011; Regie: Timo Vuorensola; Darsteller: Julia Dietze (Renate Richter), Götz Otto (Klaus Adler), Udo Kier (Wolfgang Kortzfleisch); 93 Minuten; FSK o.A.

Kinostart: 5. April

Lesen Sie hier: Jörg Buttgereit im Gespräch mit Udo Kier

Mehr über Cookies erfahren