Kino & Stream

Im Kino: „In meinem Himmel“ von Peter Jackson

Jackson_Himmel„Mein Nachname war Salmon, also Lachs, wie der Fisch; Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde.“ Mit diesem Satz beginnt der Roman „In meinem Himmel“ („The Lovely Bones“) von Alice Sebold, und er wirkt noch viel stärker und paradoxer in Peter Jacksons Verfilmung. Denn hier hören wir tatsächlich die Stimme eines 14-jährigen Mädchens, das von sich behauptet, es wäre schon tot. Die Stimme ist ganz lebendig, die Nachricht von der Ermordung aber ist entsetzlich. Wie passen diese beiden Dinge zusammen?

Das neue Projekt des neuseeländischen Regisseurs, der vor allem mit der Trilogie „Der Herr der Ringe“ mehr oder weniger unantastbar wurde, ist ein Versuch, das Kino als Medium der Imagination bis an die äußersten Grenzen auszuschöpfen. Wir bekommen eine Geschichte erzählt, die eigentlich nicht zu erzählen ist. Susie Salmon (Saoirse Ronan) erzählt von ihrem Gang ins Jenseits, sie erzählt davon, wie sie unbeschwert gelebt hat, wie sie ihrem Mörder in die Falle ging und wie sie danach langsam in die jenseitigen Gefilde eingeht. Die Zeit ihres Hi­nübergehens ist die Zeit der Trauer für ihre Familie. Und es ist die Zeit, in der die Polizei vergeblich einen Mann sucht, der die ganze Zeit nur ein paar Häuser von den Salmons entfernt wohnt – George Harvey (Stanley Tucci) ist der Mörder von Susie, ein einsamer Psychopath, der Puppenheime baut und von Jackson eigentlich ganz auf Typ Serienmörder hingetrimmt wird. Aber er bleibt unentdeckt, fast die ganze lange Geschichte hindurch.

Von der diesseitigen Wirklichkeit aus betrachtet ist „In meinem Himmel“ eine Familiengeschichte. Die Salmons – Vater Jack (Mark Wahlberg), Mutter Abigail (Rachel Weisz), Großmutter Lynn (Susan Sarandon), Lindsey und der kleine Bruder Buckley – versuchen, mit dem Verlust von Susie zurechtzukommen. Die Ehe der Eltern geht beinahe in die Brüche, weil vor allem der Vater nicht mehr so richtig in das eigene Leben zurückfindet. In all diesen Szenen aber ist Susie gegenwärtig – als Stimme, als Erzählerin von drüben, als guter Geist, der die Geschichte einem guten Ende zuführt.
Was Peter Jackson dem Roman von Alice Sebold hinzufügt, ist vor allem eine ausgeprägtere Bildlichkeit für die jenseitigen Welten. Er erfindet Bilder für den Himmel, genauer gesagt: für den Vorhimmel, in dem Susie darauf wartet, dass die Familie irgendwann ihren Frieden findet. Diese Bilder sind eine der wesentlichen Attraktionen des Films, und zugleich dessen größtes Problem: denn die elysischen Landschaften, die sich da entfalten (Meereswellen, Bergesschluchten, Blumenwiesen, …), sind so etwas wie Kataloge der wohlfeilsten Vorstellungen von Transzendenz.

Natürlich ist in der Kunst- und Geistesgeschichte immer schon der Himmel abgebildet worden, aber fast alle dieser Vor­stellungen hatten eine persönliche Vision, ein Moment des Widerständigen gegen allzu idyl­lisches Gepränge. Peter Jack­son aber schwelgt in purem Kitsch, ganz so, als müsste das schreck­liche Ende von Susie in einen größeren Zusammenhang eingebettet werden, in dem der Tod keinen Stachel mehr hat. Dem stehen manche Szenen entgegen, in denen Jackson sein filmisches Können in den Dienst klassischer Thrillermomente stellt – wenn Lindsey in das Haus von George Harvey eindringt, dann stockt dem Film buchstäblich der Atem. Aber das sind Einzelheiten, die wenig ausmachen gegenüber der nur schwer erträglichen Harmonisierung, von der „In meinem Himmel“ geprägt ist. Der Tod bildet eine Grenze des Erzählbaren, über die schon oft hinausgegangen wurde. Wie aber Peter Jackson hier den Mantel des Ätherischen über die Abgründe des menschlichen Daseins breitet, das wirkt selbst schon fast ein wenig pervers.

tip-Bewertung: Zwiespältig

Mehr über Cookies erfahren