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Neu im Kino: „Watermark“ von Jennifer Baichwal

Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Makroaufnahme der Venenverästelungen in der Lunge ist tatsächlich ein aus der Luft fotografiertes Bild vom Delta des Colorado River, der in Mexiko in den Golf von Kalifornien mündet. Doch Wasser führt der Colorado River an dieser Stelle nicht mehr – das faszinierende Muster entsteht durch die von den Meeresgezeiten verursachten Überspülungen des Deltas. Das gewaltige Flussbett ist längst ausgetrocknet, da das Wasser in den USA von mehreren Staudämmen aufgestaut und dann in den in Richtung Los Angeles führenden All-American-Canal umgeleitet wird. Schließlich muss das Wasser ja irgendwo herkommen, das man für die erklecklichen Landwirtschaftsflächen des in der Colorado-Wüste liegenden Imperial Valley benötigt und das zudem für das satte Grün der Golfplätze von Hollywood sorgt sowie für die üppigen Fontänen der Springbrunnen im bekanntlich ebenfalls in der Wüste situierten Las Vegas. Den mexikanischen Anwohnern des Deltas bleibt hingegen nur die traurige Erinnerung daran, dass auch ihr Land einst durch das Wasser eines fischreichen Flusses begrünt wurde.
Das Foto vom Delta des Colorado hat der kanadische Fotograf Edward Burtynsky aufgenommen, ein international renommierter Künstler, dessen Arbeiten sich meist im Spannungsfeld von Mensch, Natur und Industrie bewegen. Seit 2007 beschäftigt er sich in großformatigen Fotoserien mit dem Thema Wasser; seine aktuelle Ausstellung „Water Part II“ ist in Berlin noch bis zum 24. Mai in der Galerie Springer zu sehen. Die ästhetisch-künstlerische Qualität von Burtynskys Fotos steht für sich, doch zugleich sind die Bilder auch stets so konzipiert, dass man als Betrachter neugierig wird auf die Geschichten, die dahinterstehen.

Einen Teil der Erklärungsarbeit leistet nun die Dokumentation „Watermark“, in der Regisseurin Jennifer Baichwal und Burtynsky (Ko-Regie und ausführender Ko-Produzent) zum einen die Entstehung der Fotos an verschiedenen Schauplätzen der Welt beschreiben, zum anderen aber auch mit Betroffenen von Umweltkatastrophen sprechen oder Statements von Klimaforschern einholen. So entsteht ein ziemlich breites Bild von Verwendung, Verschwendung und Verschmutzung des so lebenswichtigen Elements, das die Menschen aus oft kurzsichtigen Überlegungen heraus in ihren Dienst zu zwingen versuchen. Den Bildern vom ausgetrockneten Colorado haben Baichwal und Burtynsky gleich zu Beginn die Gewalt der Wassermassen an einer Staumauer des Xiolangdi-Damms am Gelben Fluss in China entgegengesetzt: Hier gibt es Wasser im Überfluss, doch die Veränderungen der Umwelt sind ebenso radikal wie am Colorado – und sie werden letztlich aus den gleichen Gründen vorgenommen. Denn immer wieder geht es um das Wachsen der menschlichen Gesellschaften und den unstillbaren Hunger nach Nahrung und Energie. Probleme wie das Absinken des Grundwasserspiegels sind dabei absehbar und betreffen die wasserintensive Landwirtschaft in den USA genauso wie einen wunderschönen, aber bereits ausgetrockneten Stufenbrunnen im indischen Rajasthan. Manchmal sind die Folgen menschlicher Vermessenheit auch komplett absurd: Nur zehn Jahre, nachdem man 1913 das Wasser des Owens River über ein Aquädukt nach Los Angeles umgeleitet hatte, waren der Fluss und der damit verbundene Owens Lake ausgetrocknet. Heute muss der Boden des Sees von Bewässerungsanlagen ständig mit Wasser besprengt werden – der giftige Staub würde sonst im Wirbel von gewaltigen Staubstürmen für weitere große Umweltbelastungen sorgen.
Wir sind verantwortlich„, sagt ein dänischer Klimaforscher einmal an einer Stelle von „Watermark“, während uns der Film immer wieder daran erinnert, dass wir mit Wasser, diesem Element, das uns alle fasziniert und ohne das wir nicht sein können, völlig unverantwortlich umgehen. Es ist höchste Zeit, umzudenken.

Text: Lars Penning

Foto: Edward Burtynsky / Senator Film Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Watermark“ im Kino in Berlin

Watermark, Kanada 2013; Regie: Jennifer Baichwal, Edward Burtynsky; 92 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 15. Mai

 

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