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Neue Filme aus Südkorea auf der Berlinale

Der Selbstmord der jungen Schauspielerin Lee Eun-ju am 22. Februar 2005 sorgte für Erschütterung in der südkoreanischen Öffentlichkeit und zeugte vom sozialen und moralischen Druck, dem die Medienstars in Fernost mehr ausgesetzt sind als im freizügigeren Europa oder Amerika. Nachdem Lee in der Rolle einer verführerischen Sängerin nackt auf der Leinwand zu sehen war (im Krimi „The Scarlet Letter“), kam es zum heftigen Konflikt in der Familie, und ihr Bruder fand sie schließlich mit zerschnittenen Handgelenken erhängt in ihrer Wohnung.
Nicht ganz so tragisch, doch mit Tränen und teilweise offener Aggression werden die Sorgen und Befindlichkeiten weiblicher Filmstars in „Yeobaewoodle“ („The Actresses“) dargestellt. Aus Anlass eines Foto-Shootings für das Modemagazin „Vogue“ kommen sechs berühmte Aktricen zusammen und klatschen während der Wartezeit über Karriere und private Probleme, über Unzufriedenheit, Langeweile und Altern. Mit zunehmendem Sektkonsum kommen ihre Eitelkeiten und Komplexe sowie Neid und Konkurrenzkampf enthemmt zum Ausbruch.
Um Selbstmord als Ausweg aus wirtschaftlicher Not und die Depressionen einer mittellosen Supermarktangestellten, die in der Modebranche Karriere machen will, geht es in „Our Fantastic 21st Century“ („Neo-wa na-eui i-shib-il-seki“/Foto oben). Das stilvoll inszenierte Kinodebüt des Filmhochschulabsolventen Ryu Hyung-­ki zeigt auf beklemmende Weise den materiellen Überlebenskampf und die moralische Verwahrlosung junger Koreaner ohne reelle Zukunfts­perspektiven oder sozialen Halt.
Ryus ehemaliger Kommilitone So Sang-min dramatisiert das Unbehagen vieler koreanischer Twens in ihrer Kultur dagegen mit Humor. Auf tragikomische Weise zeigt er ihre Geld- und Liebesnöte, wobei der Wortwitz und die Charakterzeichnung der Hauptfiguren in „I’m in Trouble!“ („Na-neun gon-kyeung-e cheo-haet-da!“) ein wenig an Beziehungskomödien von Woody Allen erinnern. Der Protagonist ist ein unreifer Intellektueller, ein ängstlicher Dichter mit Schreibblo­cka­­de und Problemen mit Frauen, unfähig, sein Leben sinnvoll zu gestalten. Während Freunde und Bekannte Karriere machen, weicht er anstehenden Entscheidungen aus oder zerredet sie, regelmäßige Alkoholexzesse verschlimmern seine Situation. Seine Freundin dia­gnos-tiziert sein Leiden an der Welt und sich selber als „fundamentalen Skeptizis­mus“. Der Jungfilmer So Sang-min inszeniert das stimmige Porträt einer Generation gradlinig mit langen, starren Kameraeinstellungen, die das Ausdrucksvermögen der vorzüglichen, vom Theater kommenden Schauspieler voll zu Geltung bringen.
Dooman RiverDurch ruhigen Erzählfluss und Verzicht auf visuelle Effekt­hascherei zeichnen sich auch zwei koreanisch-französische Koproduktionen aus. Wie in seinem Wettbewerbsbeitrag „Desert Dream“ zur Berlinale 2007 setzt Regisseur Zhang Lu in seinem neuen Film erneut auf stimmungsvolle Landschaftsbilder. Vor winterlich-eisiger Naturkulisse zeigt „Dooman River“ (Foto unten) eigentümlich distanziert Erlebnisse zweier Knaben unterschiedlicher Nationalität an einem nordkoreanisch-chinesischen Grenzfluss.
Die in Seoul geborene und in Frankreich groß gewordene Ounie Lecomte dagegen bevorzugt bei ihrem Regiedebüt Nahaufnahmen vom Gesicht eines kleinen Mädchens, um dem Zuschauer die Gefühle eines Kindes nahezubringen, das vom Vater im Stich gelassen in einem südkoreanischen Waisenhaus mit seinem Schicksal hadert. „Yeo-haeng-ja“ („A Brand New Life“) basiert auf eigenen Erfahrungen und vermittelt einen dementsprechend realistischen Eindruck: Mitte der 70er Jahre war die damals neunjährige Ounie aus einem Seouler Kinderheim von einer französischen Familie adoptiert worden.

Text: Ralph Umard

Yeobaewoodle (Panorama)
(The Actresses)

14.2., 22.45, CineStar 3
15.2., 17.45, CineStar 3
19.2., 22.30, Cubix 7+8

Our Fantastic 21st Century (Forum)
14.2., 20.00, Cubix 9
15.2., 15.00, Arsenal 1
16.2., 22.00, CinemaxX 4
17.2., 16.30,
CineStar 8

I’m in Trouble (Forum)
14.2., 20.00, Colosseum 1
15.2., 19.15, CineStar 8
16.2., 22.30, Cubix 9

Dooman River (Generation 14plus)
14.2., 11.00, Babylon
18.2., 17.00, Babylon
20.2., 14.30, Babylon

Yeo-haeng-ja (Generation Kplus)
(A Brand New Life)

17.2., 9.30, Zoo Palast 1
18.2., 16.00, Filmtheater am Friedrichshain
21.2., 14.00, CinemaxX 3

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