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Neues aus Cannes

Was macht das Geld, wenn es nicht schläft? Vielleicht akkumuliert es Macht und Rationalität, bis sich das so errichtete System aus sich heraus die Kräfte freisetzt, die es zerstören. In Christoph Hochhäuslers „Unter dir die Stadt“, der so etwas wie die deutsche Antwort auf Stones Markphantasie lieferte, könnte man in seiner Zeichnung der Bankenstadt Frankfurt eine kristalline Struktur erkennen, die sich unter dem Druck ihres eigenen Gewichts wieder zu verflüssigen beginnt. Sichtbar wird das im Leben des Banken-Vorstands Roland (Robert Hunger-Bühler), der eine Affäre mit der Ehefrau eines seiner Angestellten beginnt. Eine neue Gier nach Leben strömt plötzlich aus ihm heraus, wie eine zentrifugale Kraft, die ihn zu zerreißen beginnt.
Sie (Nicolette Krebitz) ist ebenso sehr selbst Jägerin wie Objekt seines Begehrens, zufällig in einem Augenblick in sein Leben getreten, in dem ihn ein brutaler Mord an einem Kollegen erschüttert hat. Dass der Banker dazu gebracht wird, sich nach diesem Einbruch des Realen in seine imaginäre und symbolische Welt für einen Moment mit dem Toten in einer Art Doppelgängerspiel identifizieren zu wollen, muss man glauben wollen, aber aus dieser Prämisse erzeugt Hochhäusler ein reizvolles Spiel mit Spiegelungen, Reprisen, einer zweiten Ebene, die sich unter die erste Sichtbare schiebt. Platziert in der Cannes-Reihe „Un Certain Regard“, deren Auswahl in diesem Jahr oft genug interessanter als das Wettbewerbsprogramm schien, wirft der Berliner Regisseur einen Blick auf das Frankfurter Banker-Milieu, das in seiner Verfremdung als System erscheint, das am Gipfelpunkt seiner Rationalität von seinem Todestrieb überwältigt wird.

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