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Neues aus Cannes

Wall StreetWas macht das Geld, wenn es nicht schläft? Treibt es sich übermüdet und angetrunken auf New-Yorker-Milliardärs-Benefizabenden herum, verführt es die Jugend des 21. Jahrhunderts oder fährt es einfach nach der Arbeit brav mit der U-Bahn durch die Stadt nach Hause wie neuerdings der Ex-Börsenhai, Ex-Sträfling, Ex-1980er-Heroe Gordon Gekko.
Michael Douglas spielte diesen Mann 1987 in Oliver Stones „Wall Street“ mit so viel Overdrive, dass er zum eigentlichen Helden des Films wurde, obwohl der Regisseur das Gegenteil zu bezwecken schien. Es wirkte schon damals so, als hätte das schlaflose, aufgeweckte Geld den Film in einer feindlichen Übernahme enteignet und aus der Kritik verstecke Werbung gemacht – eine Affirmation genau des Haifischkapitalismus, den Stone anprangern wollte. „Wall Street“ war weniger Anklage der Investoren, die gesunde Betriebe in lukrativere Einzelteile zerschlugen, als unfreiwillige Apotheose des 80er-Jahre Hedonismus und seiner Zeichenwelt.
„Money is a she – a bitch that never sleeps“, diese Gordon-Gekko-Weisheit über die Untreue des Geldes, das während man selbst schlummert jederzeit aufstehen und zum nächsten Liebhaber laufen kann,  liefert Oliver Stone nun den Untertitel für „Wall Street – Money never sleeps“, das Update des Stoffes, das man in Cannes mit amüsierter Neugierde erwartete. Michael Douglas ist wieder dabei, darf Scherze mit seiner „Greed is good!“-Reputation treiben und wer Wert darauf legt, kann sich auch auf eine Reihe von Cameo-Auftritten weiterer Mitspieler aus dem Originalfilm freuen (Gekkos kiloschweres 80er-Jahre Mobiltelefon inklusive). Es geht auch in der Neuauflage des Stoffes um die Umtriebe des Finanzkapitals, aber Stones mit allerlei beliebig wirkenden visuellen Gimmicks, Zeitrafferaufnahmen, Kreisblenden und Splitscreens aufgemotzter Film erzählt vom aktuellen Meltdown des Finanzsystems zugleich zu allgemein und zu persönlich. Geradezu läppisch ist die 2001 einsetzende Familiengeschichte, die Gordon Gekkos linksliberale Tochter (Carey Mulligan) und den grünbewegten, jungen Börsenmakler Jacob (Shia LaBeouf ) in den Einflussbereich Gekkos bringt. Noch enttäuschender ist aber die schlichte Perspektive auf die strukturellen Defizite der Bankenwelt, in der das Böse wieder in einem Mann personifiziert werden kann (Josh Brolin), der die Regeln bricht, als wären nicht genau diese Regeln von vorneherein das Problem.

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