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Neues aus Venedig: Drogenkiller, Westernfrauen und Vincent Gallo on the run

Essential KillingAuch die Landschaft von „Essential Killing“ (Foto links) könnte aus Reichardts Film stammen, aber hier sind die Rollen nun neu verteilt. Nach einem visuell und akustisch gleichermaßen furiosen Beginn, in dem Vincent Gallo als Taliban erst einmal drei US-Militärs in einer afghanischen Schlucht mit einer Panzerfaust zerstückelt, versucht sich Nouvelle Vague-Veteran Skolimowski („Le Depart“) in der Studie eines Mannes, der nur noch von seinem Überlebensinstinkt geleitet wird. Aber „Mohammed“ bleibt hier viel mehr als bei Reichardt ein absoluter Fremder, dem der Film außer ein paar Flash-Back-Visionen keine persönliche Kontur zugesteht. Gallo musste sich für seine dialoglose Hauptrolle keinen Text merken, nur seinen Körper zur Verfügung stellen und sein ausgemergeltes Antlitz. Nach Gefangennahme, Folter und Überstellung ins osteuropäische Geheimlager gelingt ihm die Flucht in den Schnee, blutend, gejagt von Nato-Soldaten. Selbst immer raubtierhafter jagt er durch die Wälder, während der Film immer neue, unwahrscheinliche Spannungsbögen schlägt, unschlüssig schwankend zwischen entleertem Postwestern, überdeutlicher Ideenillustration und einem sporadischem Aktionismus (mit Kettensäge, Pistole und Sturz von eisigen Wasserfällen), der immer wieder den Minimalismus aufsprengt.
Promises Written in WaterGallo zeigte selbst als konkurrierender Regisseur im Wettbewerb, wie man noch radikaler mit eingespielten Erzählformen brechen kann. „Promises Written in Water“ (Foto rechts) ist ein im besten Sinn aus der Zeit gefallenes, schwarzweißes, in seiner Rohheit und Experimentierlust an Warhol oder Cassavetes erinnerndes Werk, in dem sich Gallo wie schon in seinem unterschätzten „The Brown Bunny“ kein bisschen um gefällige Erzählstrukturen schert. Minutenlange Plansequenzen, die die von Gallo selbst gespielte Hauptfigur beim Beziehen eines Hotelzimmers zeigen, Ausflüge ins Beerdigungsinstitut oder Szenen, in denen er fünf, sechs Variationen ein und desselben Dialogs ungeschnitten im Film belassen hat, wechseln sich ab mit der betörenden, minutenlangen Anbahnung eines ersten, verliebten Kusses. Seine Lust, Frauen in seinen Filmen als absolute Objekte eines im Grunde ohnmächtigen Begehrens zu fetischisieren, ist auch hier ungebrochen. Unaufhörlich entziehen sie sich ihm (durch Reserviertheit, selbstbewusstes Abgrenzen, professionelles Insistieren) bis sie final und tragisch ganz ihm gehören: als Tote.
Gallo hatte in typischer Manier für den Festivalkatalog keine Informationen und noch nicht einmal ein Filmbild geliefert. „Synopsis: The Film is written, directed and produced by Vincent Gallo. No other information will be supplied. Director’s Statement: No comment“. Die Pfiffe und Buhrufe einer notorisch an Experimenten desinteressiert scheinenden Fraktion der versammelten Weltkritiker, von denen nicht wenige schon beim Filmvorspann zu lachen beginnen (der Gallo als verantwortlich für Musik, Drehbuch, Produktion, Regie und Hauptrolle ausweist) werden ihn nur bestätigen. Der Mann macht mit bescheidensten Mitteln und genialischer Intuition mit das aufregendste Autorenkino, das am Lido zu sehen ist.

Text: Robert Weixlbaumer

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