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Venedig: Drogenkiller, Westernfrauen und Vincent Gallo on the run

Zimmer 164 ist der düsterste Raum des Festivals von Venedig. Im Zimmer 164 sitzt der „Sicario“, malt Skizzen und Tabellen in sein Notizbuch und erzählt. Manchmal steht er auf und spielt nach, wie eines seiner Entführungsopfer in der Badewanne unter Wasser getaucht wurde. Oder wie man jemanden, den man zu Tode stranguliert, noch einmal zurück ins Leben holt, damit sein Sterben länger dauert. Wenn er von den extremsten Folterungen erzählt, dann malt er abstrakte Skizzen aufs Papier: Strichmännchen, Bottiche mit kochendem Wasser, brennende Bettlaken, unterbrochene Lebenslinien. „El Sicario – Room 164“ von Gianfranco Rosi (Foto links) holt nur mit Worten soviel Wirklichkeit ins Kino, dass es kaum erträglich ist. Sicario heißt übersetzt „Killer, gedrungener Mörder“, aber der Mann, der mit verhülltem Gesicht in tagelangen Sitzungen im Zimmer 164 von seiner Arbeit erzählt, war noch vor ein paar Jahren Polizist in der Ciudad Juбrez, der gewalttätigsten Stadt der Welt, wo seit Anfang 2008 mehr als 5000 Menschen ermordet wurden. In die Polizeiakademie geschickt wurde er im Auftrag der Narcos, der Drogenkartelle Mexikos, wie, wenn man ihm glaubt, landesweit jeder vierte Absolvent dieser Akademien. Das Drogengeschäft, die Entführungen, Erpressungen, die Morde und die Folter sind untrennbar mit der Polizei und dem Militär verquickt, die den Narcos helfen, alle Teile der Gesellschaft zu unterwandern. Es ist ein Angriff auf den Staat, bei dem schon ausgemacht scheint, wer am Ende gewinnen wird. In statischen Einstellungen zeigt Gianfranco Rosi zwischen den Monologen seines Protagonisten die unscheinbaren Fassaden der „Safe Houses“, die den Narcos als Massengräber dienen, oder die Außenansicht des Hotels, dessen Zimmer 164 dem Sicario früher als Crime-Scene diente. Rosis Film ist zugleich Außenansicht und tiefe Introspektion in diese mörderische Existenz samt Leuterungsversuch: Eine bedrängende Realitätsebene zu den Genrefilmen, die in Venedig parallel das Publikum unterhalten. Auch Robert Rodriguez und Ethan Maniquis „Machete“ mit seinen Gewalt- und Paranoiakarikaturen ließ der Film im retrospektiv noch Meek's Cutoffprägnanter erscheinen. Der ohnehin erstaunlich gelungene Ausflug von „Machete“ ins Fabelland der Exploitation feiert alles, was das Genre so beliebt macht: Ein widerwilliger Held, der durch die Gewaltexzesse der anderen zur Aktion getrieben wird, Krankenschwestern im Minikittel, die mit Maschinenpistolen die Rechte von Einwandern in den USA verteidigen, Rache an den von den Narcos korrumpierte US-amerikanische Rechtspopulisten und ihrer rassistischen Abschottungsvisionen, Sexy-Revolution. Im Nebeneinander des Festivals, in dem man an einem Tag leicht fünf extrem heterogene Kino-Begegnungen hat, entspann sich zwischen beiden Filmen ein interessanter Dialog, aber solche Spiegelungen konnte man auch andernorts im Wettbewerb beobachten, etwa zwischen Kelly Reichardts „Meek’s Cutoff“ (Foto rechts) und Jerzy Skolimowskis „Essential Killing“, beide im Wettbewerb. Reichardt erzählt auch im Historienfilm so minimalistisch wie in ihren Gegenwartsarbeiten („Wendy and Lucy“, „Old Joy“): „Meek’s Cutoff“ ist ein reduzierter Western, der einem verirrten Treck Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Wüstenei des Pionieramerikas ins wahrscheinliche Verderben folgt. Im Mikrokosmos der drei Familien, die mit ihrem allzu selbstbewussten Scout nach Weg und Wasser suchen, kann Reichardt subtil von Machtverschiebungen zwischen Männern und Frauen erzählen, von der Begegnung mit dem Fremden in Gestalt eines gefangenen Indianers, dem sich die verlorenen Kolonisatoren in ihrer Not anvertrauen. „Meek’s Cutoff“ beginnt mit der Durchquerung einer Furt, die die Bewegungen von Mensch und Tier wie in Zeitlupe erscheinen lässt und endet im gleißenden Sonnenlicht der amerikanischen Steppe.

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