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Neues chinesisches Kino im Zeughauskino

Mulan

Seit einigen Jahren ist in China ein Begriff in aller Munde: Tuhao. Er steht für Vertreter einer immer wohlhabenderen Mittelschicht, deren Inneres jedoch durch eine zunehmende Leere gekennzeichnet ist. Oft geht mit der Bezeichnung auch eine bestimmte Auffassung von Kulturlosigkeit einher. Gleich mehrere Filme im Programm „Sehnsucht nach dem Regen“, das die Gruppe The Canine Condition um Fabian Tietke, Lukas Foerster, Cecilia Valenti und Nikolaus Perneczky zusammengestellt hat, sind Leben und Leiden jener Tuhao gewidmet. Die Reihe, die zwischen dem 30. Oktober und 29. November mit insgesamt fünfundzwanzig Filmen im Zeughauskino gastieren wird, eröffnet entsprechend lebensnah mit dem Titel gebenden „Chunmeng/Sehnsucht nach dem Regen“ (CN 2013) der Regisseurin Tian-yi Yang.
Es geht darin ausschließlich um Fang Lei (Zhao Siyuan), eine junge Mutter, deren Leben einerseits in finanzieller Sorglosigkeit verläuft, andererseits von sinnlichem Bankrott bedroht wird. Letzterem will sich Fang Lei nicht einfach so ergeben. Und das muss sie auch nicht, denn überraschend erhält sie nächtlichen Traumbesuch von einem geheimnisvollen Liebhaber, der es vermag, eine Kursänderung in Fang Leis Leben anzuregen.
Drug WarInsgesamt ist das Programm, welches keineswegs selbstverständliche Einblicke in aktuelles chinesisches Filmschaffen gewährt, reich an nach Veränderung strebenden Frauen. Wie progressiv die Strategien dabei ausfallen mögen, sei einmal dahingestellt. So handelt „Jia hun nu xia Qui Jin/The Woman Knight of Mirror Lake“ (HK 2011) des Hongkong-Meisters Herman Yau von Qui Jin (Huang Yi), einer chinesischen Revolutionärin und Nationalheldin, die sich nicht nur für die Bildung von Frauen und gegen das Schönheitsideal verstümmelter, eingeschnürter (Lotus-)Füße einsetzte, sondern auch ganz konkret am Widerstand gegen die Qing-Dynastie im frühen 20. Jahrhundert beteiligt war. Ein klassischer Historienfilm mit ausgesprochen rarem Fokus.
Angie (Zhou Xun) und Cherie (Miriam Chin Wah Yeung) haben derweil mit Problemen völlig anderer Kategorie zu tun: Während Angie in „Sa jiao nu ren zui hao ming/Women Who Flirt“ (CN 2014) ihren besten Freund Marco (Xiaoming Huan) darauf aufmerksam zu machen versucht, dass sie die Richtige an seiner Seite wäre, schickt Cherie ihren Liebsten Jimmy (Shwan Yue) in „Chun Kiu yi Chi Ming/Love in the Buff“ (CN/HK 2012) erst in die Wüste und bereut es anschließend doch.
Beide Filme stammen übrigens aus der Feder Pang Ho-Cheungs, in dessen Werken ein eigenwilliges Phänomen auszumachen ist: von digitalen Techniken und einer gewissen Konsummentalität beeinflusste Liebesökonomien werden vor einer austauschbaren, aber immer Potenz signalisierenden Kulisse verhandelt. Glücklicherweise wird Pangs Kino aber auch von einer exzentrischen Hongkong-Schrulligkeit belebt, die Plot und Bild durchaus gut bekommt.
PetitionAn jenen leuchtenden Tönen, die übrigens in weitaus penetranteren Varianten in der Gangsterkomödie „Du cheng feng yun/From Vegas to Macau“ (CN/HK 2014, Wong Jing) oder dem trashigen Tierhorror „Bai wan ju e/Million Dollar Crocodile“ (CN 2012, Lin Li Sheng) auszumachen sind, fehlt es anderen Filmen hingegen völlig: Stechen viele Spielfilme ihres Überschusses wegen ins Auge, ist bei den Dokumentar- und Autorenfilmen ein offenkundiger, nicht selten sogar schockierender Mangel vorzufinden. Ein Mangel, der sich auch im Farbspektrum erkennen lässt – entweder ist der Film von vornherein in Schwarz-Weiß gedreht, oder es macht den Anschein, als hätte das Sujet jegliche Strahlkraft aus den Bildern gesogen.
Wang Bings nicht leicht auszuhaltender, beinahe vier Stunden währender „Feng ai/‘Til Madness Do Us Apart“ (CN 2013) führt mitten hinein in den Alltag einer psychiatrischen Anstalt im Südwesten Chinas. In Sequenzen voller Wiederholungen zeigt der Film Menschen am Rande der Verwahrlosung und bemüht sich dennoch, einzelne Bewohner zwischen Hackordnung und notdürftigsten Routinen zu erkennen. Von verlassenen Seelen erzählen auch „Kelamayi/Karamay“ (CN 2010, Xu Xin) und „Shangfang/Petition“ (CN 2009, Zhao Liang): Xu Xin besucht in seinem sechsstündigen Dokumentarfilm-Monument Eltern, deren Kinder beim Brand einer Festhalle im Jahr 1994 ums Leben gekommen waren. Und Zhao Liang reist ins „Petition Village“, einen eher provisorischen Ort am Stadtrand Beijings, an dem Personen aus ganz China auf Anhörung ihrer von lokalen Autoritäten ignorierten oder unterdrückten Anliegen warten. In einer Szene, etwas entfernt vom Village, bekommt eine Frau den Satz zu hören: „Hier sind Millionen (Menschen). Meinst du, es fällt jemandem auf, wenn einer verschwindet?“ Das ist ein zwingender Perspektivenwechsel: Vom Tuhao in Großaufnahme hin zu verschwindenden Individuen auf gigantischer Fläche.

Text: Carolin Weidner

Foto oben: TANG CHAK SHUN / ZEXIN

Foto mittig: Koch Media

Foto unten: INA Paris

Sehnsucht nach dem Regen. Neues chinesisches Kino 2009 bis 2015, ?Zeughauskino, 30.10. bis 29.11.

www.dhm.de/kino

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