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„Neukölln Unlimited“ im Kino

„Halt die Fresse!“, knurrt die eine Schwester Akkouch die andere an. Wenn es darum geht, wer mit dem Putzen der hoffnungslos überbelegten, viel zu kleinen Wohnung in einem sozialen Brennpunktkiez in Berlin dran ist, wird der Ton unter den Geschwistern schon mal etwas ruppiger. Typisch Neukölln eben? Oder gar typisch arabische Großfamilie?
Wie wenig solche Klischees bei der Einschätzung der siebenköpfigen, aus dem Libanon stammenden und in Berlin nur geduldeten Familie Akkouch weiterhelfen, wird in der Dokumentation „Neukölln Unlimited“ allerdings schnell klar. Denn die Geschwister Hassan, 18, Lial, 19, und Maradona, 14, auf die sich die beiden Regisseure Agostino Imondi und Dietmar Ratsch hier konzentrieren, entsprechen den altbekannten Klischees von integrationsunwilligen, kriminellen Arabern in keiner Weise. Stattdessen begegnen die Zuschauer Einwandererkindern be­ziehungsweise -jugendlichen, die viel mehr Verantwortungsbewusstsein und Selbstdisziplin an den Tag legen als so mancher verwöhnte halbwüchsige Zehlendorfer.
Dabei wären die Akkouchs eigentlich potenzielle Kandidaten für komplett entgleiste Biografien. Schließlich spüren sie spätestens beim Gang zu deutschen Behörden – die Kamera begleitet sie unter anderem zur Ausländerbehörde –, dass sie von offizieller Seite nicht erwünscht sind: Vor vier Jahren wurde die Familie schon einmal frühmorgens von der Polizei abgeholt und in den Libanon abgeschoben. Dass bis auf Hassan und Lial alle Akkouch-Kinder in Deutschland geboren waren, interessierte den Berliner Innensenat damals genauso wenig wie der Umstand, dass die Halbwüchsigen noch zur Schule gingen.
Wut? Auch nach ihrer Berlin-Rückkehr halten die Akkouchs an ihren konstruktiven Methoden fest, mit ihrer labilen Aufenthaltssituation umzugehen. Hassan kämpft darum, sein Abi zu machen und steckt alle Energie und den Frust in sein Fortkommen als Breakdancer und Rapper. Lial organisiert als Event-Managerin in Ausbildung selbstbewusst Boxkampf-Veranstaltungen und versucht sich als Sängerin. Nur Maradona kaschiert seine Verlorenheit, indem er betont flegelhaft auftritt – und dann wegen seiner Schulbeurlaubungen von seiner Familie wiederholt zur Rechenschaft gezogen wird.
Im Verlauf von „Neukölln Unlimited“ wachsen sie einem ans Herz, diese Akkouchs. Nicht allein Hassans begnadete Tanzkünste, die er im Film auf diversen Wettbewerben zum Besten gibt, nötigen dem Zuschauer Respekt ab, sondern vor allem die scheinbar natürliche Würde, wel­che die Familie trotz ihrer verfahrenen Lage ausstrahlt. Wäre „Neukölln Unlimited“ ein Spielfilm, würde man ihm alles andere als ein Happy End übel nehmen. Da es aber um die Realität geht, schwebt das schöne Ende leider in weiter Ferne. Denn trotz Hassans bestandenem Abitur, Maradonas Rückbesinnung auf die Schule und Lials beruflichem Fleiß haben die Akkouchs bis heute keinen sicheren Status in Deutschland.

Text: Eva Apraku

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Neukölln Unlimited“ im Kino in Berlin

Neukölln Unlimited, Deutschland 2010; Regie: Agostino Imondi, Dietmar Ratsch; Farbe, 99 Minuten

Kinostart: 8. April

Lesen Sie hier: Ein Interview mit den Regisseuren Agostino Imondi und Dietmar Ratsch

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