Musikerinnenporträt

„Nico, 1988“ im Kino

Das stimmungsvolle und ehrliche Porträt einer Ikone: „Nico, 1988“

Desillusioniert, abweisend, müde – aber auf der Bühne ist Nico (Trine Dyrholm) sehr vital
Foto: Film Kino Text

Warum Selbstmord begehen, wenn Sie diese Platte kaufen können?“, ­lautete ein Werbeslogan von Nicos Schallplattenfirma für ihr 1974 erschienenes Album „The End…“. Es war gleichermaßen eine ­makabere Koketterie wie die schlichte Wahrheit: Die todessehnsüchtigen, von ihrem Harmonium­spiel geprägten Solo-Platten der Sängerin hört man sich nämlich immer dann an, wenn einem einmal der Sinn nach richtig depressiver Musik steht. Im besten Fall fühlt man sich hinterher besser – wohl in dem Bewusstsein, mit seinen dunklen Gedanken nicht allein auf der Welt zu sein.

Der glamouröse Teil von Nicos Karriere lag Mitte der 70er-Jahre schon eine Weile zurück: Die 1938 als Christa Päffgen in Köln geborene Künstlerin war in den 50ern ein Top-Model in Paris gewesen und hatte um 1960 eine Reihe kleiner Rollen in französischen und italienischen Filmen gespielt, darunter auch in Fellinis „La dolce vita“. Da war sie schon so berühmt, dass sie einfach nur sich selbst verkörperte. Ab 1966 ging sie in Andy Warhols Factory in New York ein und aus, spielte im Film „Chelsea Girls“ und sang vier Stücke auf dem Debütalbum von The Velvet Underground. Dort kündigte man die Deutsche mit der tiefen Stimme, dem Hang zu falschen Tönen und dem unverkennbar teutonischen Akzent als „Chanteuse“ an. Damals zunächst ein Flop, später einer der Gründe für den ihr auf ewig sicheren Nachruhm.

In Susanna Nicchiarellis Biopic „Nico, 1988“, das sich auf die letzten Lebensjahre der Künstlerin konzentriert, kommt all dies zwar nur am Rande vor – in einigen wenigen Ausschnitten aus Doku-Material von Jonas Mekas. Gleichzeitig muss man es immer mitdenken, wenn man die gealterte, müde wirkende Nico (Trine Dyrholm) hier vor sich sieht. Denn alles an ihr ist eine Rebellion gegen die Jahre des Glamours: ihr düsteres Erscheinungsbild ebenso wie die patzige Weigerung, in Interviews noch einmal Auskünfte über die Zeit mit ihren weltberühmten Freunden und Ex-Liebhabern zu geben. Sie möchte sich als gegenwärtige Künstlerin mit ihrer aktuellen Musik gewürdigt wissen.

Wenn Nico zurückblickt, dann reichen ihre Erinnerungen viel weiter in die Vergangenheit: zum am Kriegsende brennenden Berlin ihrer Kindheit. Und wenn sie in die Zukunft schaut, dann sieht sie ein gemeinsames Leben mit ihrem Sohn Ari, mit dem sie eine – gelinde gesagt – äußerst komplizierte Beziehung verbindet.

Im Mittelpunkt aber steht die Verdichtung eines stressigen Tourneealltags in den 80ern: Seit Jahren ist Nico heroinsüchtig, ihre Band ein zusammengewürfelter Haufen, die Veranstalter ihrer Tourneen werden immer dubioser. Die Musik bedeute ihr nichts mehr, sagt Nico einmal ihrem englischen Manager, der sie unterwürfig liebt und verehrt – aber wenn sie abends auf der Bühne steht, dann straft die Intensität ihrer Auftritte sie Lügen.

Die dänische Hauptdarstellerin Trine ­Dyrholm singt dabei in beeindruckender Manier alle Lieder selbst – nicht als Nico-Imitation, sondern in einer eigenen Interpretation. Auch das ist Nicchiarellis Film: Ob es wirklich alles ganz genauso war? Der Regisseurin kommt es auf die starke Frau im müden Körper ihrer Protagonistin an, auf Nicos Unangepasstheit, darauf, dass sie die Meinung der anderen Menschen nicht mehr kümmert. Das macht die Sängerin anstrengend und verletzend für ihr Umfeld, aber vielleicht noch viel mehr für sich selbst. „I’ve been at the top, I’ve been at the bottom“, sagt sie im Film, „both places are empty.“

Nico, 1988 I/B 2017, 93 Min., R: Susanna Nicchiarelli, D: Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marica, Sandor Funtek, Start: 18.7.

 

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