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Nomadenkino in Berlin

Nomadenkino in Berlin

Eine ziemlich frische Brise bläst durch den Innenhof des Kater Holzig. Nur ein paar hartgesottene Besucher sitzen an diesem Spätjuniabend mit einem Drink in der Hand auf den Holzplanken der Party-Location. Eine Amerikanerin spricht laut in ihr Smartphone, um den nächsten Schritt ihrer Abendplanung auszuhandeln, zwei Franzosen treten ein und blicken sich in dem schrill dekorierten Gemäuer um. Aus der „Rummel“-Bar schallen die Bässe eines Cumbia-Konzerts.
Nebenan, in der Gewölbebar „Heinz“, steht Werner Kantor am Einlass. Er macht hier mit seinem „Nomadenkino“ Station. Heute zeigt er die schwarze britische Komödie „Sightseers“. Der Wahlberliner mit Wurzeln in Oberbayern trägt eine Daunenjacke mit Kapuzenpulli. In der vorigen Woche war es noch 30 Grad heiß, heute nicht mal mehr die Hälfte. „Keiner will das Haus verlassen“, sagt der Kinomacher mit Blick auf den überschaubaren Andrang schulterzuckend. Zwei Last-Minute-Besucher lösen noch schnell ihre Tickets zu 6 Euro, dann treten sie in die Bar ein, in der neben dem Tresen Stuhlreihen aufgebaut sind, eine Leinwand und ein digitaler Projektor.
Werner KantorSeit 2010 zieht Kantor mit seinem mobilen Kino an Orte der Stadt, an denen sonst keine Filme laufen: zum Beispiel auf dem Badeschiff, im Garten des About Blank, auf dem Bunkerdach des Amphitheaters im Monbijoupark, im Stattbad Wedding oder auf dem Dach des Haus des Reisens am Alex. Im Winter dann zieht das Nomadenkino nach drinnen, etwa in die Theaterkapelle in der Boxhagener Straße oder in den Neuköllner Kunstort N.K. Projekt.
Auch das Kater Holzig ist eine der Stammadressen im wöchentlichen Spielplan, den der gelernte Kameramann auf ausgewähltes Arthouse- und Kunstkino sowie persönlich favorisierte Raritäten ausrichtet: von Sergej Paradjanovs „Die Farbe des Granatapfels“ bis zu Guy Maddins „My Winnipeg“. An der Party-Location am Spree-Ufer hat Kantor unlängst auch „Oh Boy“ von Jan Ole Gerster gezeigt; fast 100 Leute kamen, um den Neuberliner Kultfilm zu sehen. Auch die Resonanz auf die Doku „The Substance“ war mit 160 Zuschauern beachtlich. „Zehn Prozent aller deutschen Besucher des Films haben ihn im Nomadenkino gesehen“, weiß Kantor.
Solche Abende belegen, dass seine Idee ankommt. „Das Besondere am Nomadenkino ist, dass ich eine Möglichkeit habe, den Zuschauern noch etwas Zusätzliches zu bieten: nämlich einen besonderen Ort, der atmosphärisch zum Film passt. Die Leute interessiert es beispielsweise, einen Film über LSD in einem Club zu sehen. Ich bin gespannt, wie es im Radialsystem ankommt, wenn wir dort ‚Marina Abramovic – The Artist is Present‘ zeigen.“
Kantor kommt aus dem Kollektiv, das das Programm im Friedrichshainer B-Ware-Ladenkino machte. Das lauschige DVD-Kino mit Schaukeln und Sofas als Sitzmöbel wanderte in den Sommerwochen in die Bar25 weiter. So lernte der 33-Jährige das Grundhandwerk, um Filmprogramme zu gestalten; und ihm fiel auf, dass eine ungewöhnliche Umgebung das Kinoerlebnis vertiefen kann. Nach der Auflösung des Kollektivs entschied sich Kantor, sein eigenes Programm zu machen. Und dies dann bitteschön richtig – mit Projektionen von 35-Millimeter-Kopien. Den nötigen Projektor trieb er bei einem Filmtechnik-Wizard vor den Toren Berlins auf, der ihm zwei alte DDR-Projektoren aus den 50er-Jahren abtrat: zwei Zeiss TK 35 der VEB Carl Zeiss Jena.
Nomadenkino in BerlinÜber das betagte Gerät – den kleinsten erhältlichen 35-mm-Projektor – findet Kantor nur lobende Worte: „Die Maschine ist unglaublich gut“, sagt er. „Es gab nie einen Ausfall. Bei digitalen Projektionen dagegen schon. Zum Beispiel, dass die falsche DVD geschickt wird oder einem die DVD in der Hand zerbricht. Dann ist man aufgeschmissen. Mit analoger Technik passieren solche Pannen nicht.“ Den Zeiss-Projektor hat er zigmal auf- und wieder abgebaut und in zwei alten Lederkoffern transportiert. Wenn mal was dran ist, dann könne er „inzwischen alles selbst reparieren“.
Eine nostalgische Ader braucht man wohl, um einen solchen Aufwand fürs Kino zu betreiben. „Stimmt“, bestätigt Kantor, „aber ich kann auch damit leben, digitale Filme zu zeigen. Abgesehen davon hast du bei einer guten 35-mm-Kopie einfach das schönere Bild.“ Auch macht die Arbeit als Vorführer viel mehr Spaß. „Es hat was Mythisches, wenn du eine wirkliche Lichtkopie in der Hand hast, die Filmkisten und Spulen. Der Film hat dann eine andere Präsenz.“ Der Projektor hat sich zum Markenzeichen des Nomadenkinos entwickelt. Die Zuschauer schätzen es, wenn man dem Vorführer bei der Arbeit zuschauen kann, beim Filmeinlegen und Umlegen.
Auch wenn in Zukunft kaum noch 35-mm-Kopien von neuen Kinofilmen gezogen werden, will Kantor dem klassischen Format die Treue halten. „Das muss präsent bleiben, es gehört zur Idee dazu.“ Fördergeld hat er jetzt dennoch beantragt, um sein Wanderkino mit der digitalen Standard-Technologie DCI aufrüsten zu können. Denn auf die neuesten Filme, die dann nur noch digital vertrieben werden, möchte Kantor bei künftigen Spielplänen nicht verzichten. Letztlich ist dann doch der Film das Entscheidende – bei aller Liebe zur analogen Technik.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Oliver Milster

www.nomadenkino.de

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