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Nordwand

Anlässlich der Präsentation des Berg-Actiondramas Nordwand, der von dem tragisch endenden Versuch der Erstbesteigung im Jahr 1936 erzählt, wurden an einem Wintertag im Juli auch Journalisten zum Originalschauplatz geladen. Auf über 2000 Meter Höhe, gleich neben dem Hotel Bellevue des Alpes auf der Kleinen Scheidegg, tritt man fröstelnd von einem Fuß auf den anderen. In Sichtweite: die Station, von der die Bahn abgeht. Die Nordwand ist nicht zu sehen, Nebelschwaden verhüllen sie. Bei einem Zwi­schenstopp der Bahn kann man auch Blicke in die jähe Tiefe werfen. Nur eine dicke Glaswand stört die Erfahrung des Erhabenen. Der Berg und seine Gefahren sind am Eiger längst zur kulturalisierten Erlebniswelt geworden.

„Nordwand“, eine deutsch-öster­reichisch-schweizerische Koproduktion, versucht dagegen noch einmal, ein ursprünglicheres Berg­abenteuer zu simulieren. Nichts außer den eigenen Skrupeln darf darin zwischen mutige Männer und die Steilwand treten. Das Geschehen ist historisch verbürgt: Die Bayern Toni Kurz (Benno Fürmann) und Andi Hinter­stois­ser (Florian Lukas) versuchen im Sommer 1936, das laut NS-Propaganda „letzte ungelös­te Problem der Alpen“ zu lösen und die „Mordwand“ zu bezwingen. Dicht gefolgt von zwei Österreichern, Willy Angerer (Simon Schwarz) und Edi Rainer (Georg Friedrich), die ihnen die historische Erstbesteigung streitig machen wollen – das Ende ist ein bekanntes Schauermärchen.

Das Bergfilmgenre, mit dem sich Nordwand-Regisseur Phi­lipp Stölzl derart auseinandersetzt, ist eine historisch vorbelastete Erfolgsgeschichte. Die Filme von Arnold Fanck und Leni Riefenstahl aus den 30er Jahren waren in ihrem heroischen Idealismus wie geschaffen für eine ideologische Nutzbarmachung durch das NS-Regime. Es ging um Bruderschaft, um den Sieg über die Natur, um den schaurigen Affekt der Erhabenheit – alles Motive, die in einem visuellen Stil umgesetzt wurden, der auf Überwältigung aus war. Philipp Stölzl, der neben Musikvideos auch Opern inszeniert, glaubt nicht, dass man das Genre tatsächlich rehabilitieren kann: „Was jedoch bleibt, ist ein populäres Massengenre aus einer Zeit, in der das deutsch-österreichische Unterhaltungskino Welt­rang hatte. Deswegen ist es schon interessant zu erfragen, was das Genre noch kann. Was eine Geschichte am Berg noch kann.“

„Nordwand“ setzt sich vor allem ästhetisch von seinen Vorbildern ab. Anstatt idyllischer Bergpanoramen und hohlen Pathos dominieren den Film semidokumentarische Aufnahmen, die den Zuschauer dem Gefühl ausliefern, mit am Seil zu hängen. Er habe sich eher an der Doku-Fiction eines Filmes wie „Touching the Void“ orientiert, erzählt Stölzl: „Kein einziges Stativ wurde benutzt, keine Dollyfahrt durchgeführt. Der Film sollte kantig und rotzig wirken, damit das Gefühl eines Heimatfilms oder eines TV-Serien-Dreiteilers gar nicht erst aufkommen kann.“

„Es ist der Versuch eines modernen Bergdramas, mit all der da­zugehörigen Härte“, ergänzt Hauptdarsteller Benno Fürmann. „Die körperliche Anstrengung in einem Film wie ,Nordwand‘ ist enorm.“ Auch Echos von Alp­hörnern sind, ein wenig modernisiert, in Chris­tian Kolonovits’ aufdring­li­chem Klangteppich zu hören, aber nie zu sehen.

Mit der ideologischen Instrumentalisierung des Bergsports geht der Film insofern geschickt um, als er sie in die Handlung einbindet. Ein Zeitungsredakteur aus Berlin (Ulrich Tukur), der in seinem propagandistischen Eifer etwas eindimensional geraten ist, will der Erste sein, der von dem Wettlauf der Seilschaften berichtet. Er schickt seine Fotografin Lui­se (Johanna Wokalek) zum Hotel am Fuß des Eigers. Dort trifft sie auf ihre Jugendliebe Toni. Stölzl spricht von einem „Meta-Bergfilm“: „Der Witz des Films ist auch, dass sich das archaische Drama schon damals in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Touris­tenort abspielte.“ Die Verquickung des Bergdramas mit der dazu erfundenen Liebesgeschichte zwischen Toni und Luise gehorcht jedoch eher der Logik US-amerikanischer High-Concept-Filme, die unterschiedliche Genre­elemente zusammenführen und zwischen Gefühls- und Spannungsdramaturgien wechseln. Wenn das Rettungsteam von Kurz etwa von Luises unsicheren Schrit­ten an der Steilwand verstärkt wird, überschreitet der Film nicht nur die Grenze zur Glaubwürdigkeit, sondern weckt auch Erinnerungen an das Ende von „Titanic“. „Das war auch das Modell“, sagt Stölzl. „Es ist fast eine Passionsgeschichte, in der sich der Traum vom Heldentum tragisch verkehrt.“ Ob sich aus dieser Ausgrabung eines verschütteten Genres tatsächlich eine Linie zur Gegenwart ziehen lassen kann, das wird wohl erst der Erfolg im Tal, an den Kinokassen, klären.

Text: Dominik Kamalzadeh
tip-Bewertung: Sehenswert

Nordwand, Deutschland/Österreich/Schweiz 2008; Regie: Philipp Stölzl; Darsteller: Benno Fürmann (Toni Kurz), Johanna Wokalek (Luise Fellner), Florian Lukas (Andi Hinterstoisser), Simon Schwarz (Willy Angerer), Georg Friedrich (Edi Rainer), Ulrich Tukur (Henry Arau); Farbe, 126 Minuten

Kinostart: 23. Oktober 2008

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