Kino & Stream

„Nordwand“ auf DVD

NordwandDas Geschehen ist historisch verbürgt: Die Bayern Toni Kurz (Benno Fürmann) und Andi Hinter­stois­ser (Florian Lukas) versuchen im Sommer 1936, das laut NS-Propaganda „letzte ungelös­te Problem der Alpen“ zu lösen und die „Mordwand“ zu bezwingen. Dicht gefolgt von zwei Österreichern, Willy Angerer (Simon Schwarz) und Edi Rainer (Georg Friedrich), die ihnen die historische Erstbesteigung streitig machen wollen – das Ende ist ein bekanntes Schauermärchen.
Das Bergfilmgenre, mit dem sich Nordwand-Regisseur Phi­lipp Stölzl derart auseinandersetzt, ist eine historisch vorbelastete Erfolgsgeschichte. Die Filme von Arnold Fanck und Leni Riefenstahl aus den 30er Jahren waren in ihrem heroischen Idealismus wie geschaffen für eine ideologische Nutzbarmachung durch das NS-Regime. Es ging um Bruderschaft, um den Sieg über die Natur, um den schaurigen Affekt der Erhabenheit – alles Motive, die in einem visuellen Stil umgesetzt wurden, der auf Überwältigung aus war. Philipp Stölzl, der neben Musikvideos auch Opern inszeniert, glaubt nicht, dass man das Genre tatsächlich rehabilitieren kann: „Was jedoch bleibt, ist ein populäres Massengenre aus einer Zeit, in der das deutsch-österreichische Unterhaltungskino Welt­rang hatte. Deswegen ist es schon interessant zu erfragen, was das Genre noch kann. Was eine Geschichte am Berg noch kann.“
„Nordwand“ setzt sich vor allem ästhetisch von seinen Vorbildern ab. Anstatt idyllischer Bergpanoramen und hohlen Pathos dominieren den Film semidokumentarische Aufnahmen, die den Zuschauer dem Gefühl ausliefern, mit am Seil zu hängen. Er habe sich eher an der Doku-Fiction eines Filmes wie „Touching the Void“ orientiert, erzählt Stölzl: „Kein einziges Stativ wurde benutzt, keine Dollyfahrt durchgeführt. Der Film sollte kantig und rotzig wirken, damit das Gefühl eines Heimatfilms oder eines TV-Serien-Dreiteilers gar nicht erst aufkommen kann.“
„Es ist der Versuch eines modernen Bergdramas, mit all der da­zugehörigen Härte“, ergänzt Hauptdarsteller Benno Fürmann. „Die körperliche Anstrengung in einem Film wie ,Nordwand‘ ist enorm.“ Auch Echos von Alp­hörnern sind, ein wenig modernisiert, in Chris­tian Kolonovits’ aufdring­li­chem Klangteppich zu hören, aber nie zu sehen.

Text:
Dominik Kamalzadeh

tip-Bewertung:
Sehenswert

Nordwand, Deutschland/Österreich/Schweiz 2008; Regie: Philipp Stölzl; Darsteller: Benno Fürmann (Toni Kurz), Johanna Wokalek (Luise Fellner), Florian Lukas (Andi Hinterstoisser), Simon Schwarz (Willy Angerer), Georg Friedrich (Edi Rainer), Ulrich Tukur (Henry Arau); Farbe, 126 Minuten

Mehr über Cookies erfahren