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„Norte, the End of History“ im Kino

Norte, the End of History

Verfolgt man das Schaffen des philippinischen Regisseurs Lav Diaz, dann erscheinen die gut vier Stunden, die man sich für „Norte, the End of History“ Zeit nehmen muss, fast schon als eine Tendenz in Richtung Normalität. „Evolution of a Filipino Family“ von 2004 ist ein Epos von fast elf Stunden Länge, „Melancholia“ (2008) kommt auf schlappe 450 Minuten. Und „From What Is Before“, dieses Jahr in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet, ist nur unwesentlich kürzer: fünfeinhalb Stunden.
Zahlen, die verdeutlichen, dass sich Diaz mit seiner Auffassung von Kino längst von jenen Formatlängen abgesetzt hat, die gemeinhin als üblich gelten. Nun hat es doch einmal ein Verleih gewagt, einen Film von Lav Diaz ins Kino zu bringen. Und das ist ein wahrer Gewinn.
„Norte, the End of History“ erzählt von Joaquin und Eliza, einem Paar, das in ärmlichen Verhältnissen lebt. Und von Fabian. Mit ihm, dem Jurastudenten, der sich mental nicht mehr unbedingt auf konsensfähigen Wegen befindet, beginnt es. Die erste Szene von „Norte“ zeigt ihn dabei, wie er mit seinen Kommilitonen in einem Cafй sitzt und kluges Zeug daherredet. „Wahrheit und Sinn existieren nicht mehr“, befindet Fabian. Ein Freund erwidert darauf: „Es ist also alles kaputt? Wow.“ Und ein anderer: „Anti-Anarchismus, Anti-Existenzialismus, Anti-Gott, Anti-Alles?! Du bist reaktionär, Fabian. Oder kriminell. Wahrscheinlich schläfst du zu wenig.“
Das sind Gedanken, die im Alltag von Joaquin und Eliza wohl keine Rolle spielen. Beide versuchen sich irgendwie durchzuschlagen. Oder besser: Eliza versucht es. Denn Joaquin scheidet wegen einer Beinverletzung auf unbestimmte Zeit aus – und Eliza allein ist für die Versorgung der Familie (zwei kleine Kinder und eine Schwester von Eliza gibt es auch noch) verantwortlich.
Das funktioniert nicht. Und so schleppt Eliza Geschirr und Schmuck zur unbarmherzigen Pfandleiherin Magda. Sie ist es auch, die letztlich zum Verbindungsglied zwischen den dreien wird. Denn ein Verbrechen, von Fabian begangen, wird Joaquin angelastet. Der Fall macht auf die Behörden einen eindeutigen Eindruck, Joaquin muss ins Gefängnis, Fabian setzt sich ab. Lav Diaz zeigt, wie es einem jeden von ihnen fortan ergeht.
Und wie er das anstellt, ist schier großartig. Einmal sieht man Joaquin mit einem anderen Mann in einem Garten arbeiten – dass sich beide in Gefangenschaft befinden: die Gitterstäbe verraten es. Doch sind diese lediglich als Schattenspiel auf eine weiße Mauer geworfen. Dann das nächtliche Blinken der vielen bunten Lämpchen, die sich wie zu Ketten aufgereihte Glühwürmchen um die Fenster winden.
Oder Fabians unspektakuläre Flucht nach Manila (niemand sucht nach ihm), wo er sich in einem Fast-Food-Restaurant verdingt und für kurze Zeit auf Erlösung durch die Gruppentherapie in einem christlichen Zirkel hofft. Nicht zu vergessen: die Gewalt, unvermittelt und roh, die immer wieder den kontemplativen Bildlauf durchbricht. Lav Diaz hält einen mit seinem Drama, das durch Dostojewskis „Schuld und Sühne“ inspiriert wurde, nämlich durchaus in Atem – nur eben viel länger.

Text: Carolin Weidner

Foto: Grandfilm

Orte und Zeiten: „Norte, the End of History“ im Kino in Berlin

Norte, the End of History (Norte, hangganan ng kasaysayan), Philippinen 2013; Regie: Lav Diaz; Darsteller: Sid Lucero (Fabian), Angeli Bayani (Eliza), Archie Alemania (Joaquin); 250 Minuten

Kinostart: Do, 25. Dezember 2014

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