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„Nymphomaniac (Teil 1)“ von Lars von Trier im Kino

Nymphomaniac

Lars von Triers „Nymphomaniac“ ist das erste Überraschungsei dieses noch jungen Kinojahres. Er wird all jene enttäuschen, die mit einem vorgefassten Bild in den Film gehen. Wer sich etwa an den Plakaten orientiert, welche die Stars des Films in Orgasmus-Posen zeigen, wird sich betrogen fühlen. Denn von dieser spekulativen, etwas zu gut ausgeleuchteten Ästhetik hat der Film gar nichts. Dass um den Film ein veritables Fassungschaos herrscht, macht die Sache auch nicht leichter: Nur eine um 90 Minuten kürzere Version wird regulär im Kino zu sehen sein. Diese ist von explizitem, also mit Porno-Darstellern als Doubles gedrehtem Material bereinigt worden.
Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg sprach im „Le Monde“-Interview davon, dass einem viel entgeht: Die „großen Momente“, die besonders schmutzigen Szenen könnte man sich nicht dazu denken. Lars von Trier schien es also um einen stärkeren Zusammenhang von Anschaulichkeit und Auseinandersetzung zu gehen. In der kürzeren Kino-Fassung, die nicht gerade schamhaft ist, vermisst man solche transgressiven Momente nur bedingt. Das intime Setting des Films, die Dialogsituation zwischen der Heldin Joe (Gainsbourg) und Seligman (Stellan Skarsgеrd), dem Mann, der sie zu Beginn des Films auf der Straße aufliest und dem sie ihre Obsessionen anvertraut, erscheint so äußerst konzentriert.
NymphomaniacDie Anordnung hat freilich etwas äußerst Konstruiertes an sich: Warum sollte sich eine Frau einem Fremden auf diese Weise anvertrauen? Warum hält der Fremde beständig sonderbare Stichwörter und Vergleiche bereit, um die Frau in Redelaune zu halten? Es ist eine Form, die an eine episodische Abhandlung denken lässt, in der ständig neue Schichten eines Phänomens freigelegt werden: Beichte, Geständnis, freie Rede, Pamphlet. Eine Form, die Lars von Trier stilistische Freiheiten gewährt. Er kann, je nach Ausrichtung der Szene, seine Tonart beliebig oft variieren. Es liegt an dieser Offenheit, dass „Nymphomaniac“ im Vergleich zu den selbstbezüglicheren Filmen „Antichrist“ und „Melancholia“ entschlossener, weltoffener und damit auch relevanter erscheint.
Im ersten Teil des Films wird die junge Joe von der 22-jährigen Newcomerin Stacy Martin gespielt – es ist der lichtere Part einer Arbeit, deren aus kommerziellen Gründen erfolgte Zweiteilung mutwillig erscheint. Erzählt wird die Geschichte eines zunächst unbestimmbaren weiblichen Begehrens. Liebe ist in ihrer Perspektive eine Idee, die jene Kräfte von Sexualität zähmt, über die kein gesellschaftlicher Konsens herrscht.
NymphomaniacDies ist auch der Grund, warum sich die junge Frau als schlechter Mensch begreift. „Nymphomaniac“ hinterfragt solche moralischen Verkürzungen auf durchaus spitzbübische Weise – so ähnlich haben schon „Idioten“ und „Dogville“ an liberalen Grundsätzen gerüttelt. Der Film entwirft eine negative „йducation sentimentale“, die mit dem Moment beginnt, als die kleine Joe ihr Geschlechtsorgan entdeckt. Die Entjungferung durch einen Mechaniker (Shia LaBeouf) erwirkt sie selbst, später macht sie aus dem Wechsel der Partner ein Spiel, indem der Würfel über Fortsetzung oder Ende einer Beziehung entscheidet. Joes Erzählung weist Ungereimtheiten und allzu forcierte Zufallsbegegnungen auf – weitere, durchaus romantische Begegnungen mit Shia LaBeouf werden zum nachhaltigsten Verwirrspiel des Films –, daneben gibt es schmerzvolle Episoden über ihren Vater (Christian Slater), einen melancholischen Mann, dessen qualvollen Tod die Tochter aus nächster Nähe erlebt und mit Sex zu verdrängen versucht.
Des Vaters Liebe für Eschen, „ash trees“ im Original, ist durchaus metaphorisch zu verstehen: Der schönste Baum im Wald ist auch das mythologische Bild einer Nymphe, die im Winter ihren Makel entblößt. Weit mehr als um den eigenen Makel geht es in „Nymphomaniac“ jedoch um die Scheinheiligkeit der anderen: In der vielleicht besten Szene des ersten Teils spielt Uma Thurman eine erboste Ehefrau, die mit ihren adrett gekleideten Knaben den „Tatort“ des Ehebruchs inspiziert. Da wird der Film, der bewusst uneinheitlich ist, zu ganz großer Satire.

Text: Dominik Kamalzadeh

Fotos: Christian Geisnжs / 2014 Concorde Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Nymphomaniac 1“ im Kino in Berlin

Nymphomaniac 1, ?Dänemark/Deutschland/Schweden/Frankreich 2013; Regie: Lars ?von Trier; Darsteller: Charlotte Gainsbourg (Joe), Stellan Skarsgеrd (Seligman), Stacy Martin (Joe, jung); 110 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 20. Februar

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