Kino & Stream

„The Oath“ im Forum der Berlinale

Als in den Monaten vor dem September 2001 verschiedene junge Männer vorwiegend saudi-arabischer Herkunft bei Osama bin Laden in Afghanistan vorsprachen, empfing sie ein junger Mann aus dem Jemen namens Nasser al-Bahri. Er war damals der „Emir der Gastfreundschaft“ unter den Anhängern des berühmten Dschihadis­ten. Nasser al-Bahri hatte davor schon in Bosnien für die muslimische Sache gekämpft, irgendwann nahm er den Namen Abu Jandal an. Als die Flugzeuge in das World Trade Center flogen, saß er gerade im Jemen im Gefängnis – die Polizei war bei einem Aufenthalt in der Heimat auf ihn aufmerksam geworden, nachdem im Hafen von Aden ein Anschlag auf den US-Zerstörer USS Cole verübt worden war.
In der komplizierten Geschichte des islamistischen Terrors nimmt Abu Jandal eine Son­derstellung ein, denn er ist einer der wenigen, die nach dem 11. September ihre Position gründlich revidiert haben. In dem Dokumentarfilm „The Oath“ von Laura Poi­tras ist er deswegen die entscheidende Figur – ein Mann zwischen den Welten, ein Gegenentwurf zum Extremis­mus, aber auch zum „Krieg gegen den Terror“. Denn Abu Jandal steht auch für ein Gespräch zwischen den Konfliktparteien, während so viele enforced in­terrogations (Befragungen unter Gewaltanwendung) der amerikanischen Behörden und ihrer Zuarbeiter zweifelhafte Informationen erbracht haben.
Mit „The Oath“ setzt Laura Poitras ihre kritische Geschichte der amerikanischen Reaktion auf 9/11 fort. Vor vier Jahren schaffte sie es, mit „My Country, My Country“ (Forum 2006), ein sehr differenziertes Bild der Besatzung im Irak zu zeichnen. Fast immer arbeitet Poitras mit minimalem Equipment, ihr gelingen dabei wahre Wunder des Zugangs zu eigentlich verschlossenen Bereichen. Sie arbeitet „embedded“, also als akkreditierte Journalis­tin (in der Regel bei der Armee), kann aber die Beschränkungen dieser Rolle souverän überschreiten. In „The Oath“ hat sie Abu Jandal zum Beispiel dazu bewegen können, eine Kamera in seinem Taxi einzubauen – die alltäglichen Gespräche, die er bei der Arbeit führt, machen ihn als Figur erst so richtig plastisch.
Ursprünglich wollte sie einen Film über Guantanamo machen, schreibt Laura Poitras in der Antwort auf ein paar Fragen, die der tip ihr zum Film geschickt hat. „Als ich im Jemen auf Abu Jandal traf, hat sich das ganze Filmprojekt verändert. Dass er mitgemacht hat, hat sicher auch mit einem Schuldgefühl zu tun, denn er fühlt sich dafür verantwortlich, dass sein Cousin Salim Hamdan so lange in Guantanamo gefangen saß.“ Salim Hamdan, 2001 der Chauffeur von Osama bin Laden, wurde während der Invasion in Afghanis­tan verhaftet und zu einem der prominentesten Häftlinge in Guan­tanamo, weil sein Fall bis vor den Obersten Gerichtshof der USA ging. In „The Oath“ ist Salim Hamdan die zweite Hauptfigur, obwohl er sich nicht filmen lassen wollte.
Mit dem Titel des Films hat es eine doppelte Bewandtnis. „The Oath“ bezieht sich auf den Eid, den die Dschihadisten schwören, aber auch auf den Eid auf die amerikanische Verfassung, den George W. Bush und Donald Rumsfeld nach Meinung vieler ihrer Kritiker gebrochen haben. Hat sich die Lage unter Barack Obama gebessert? Laura Poitras ist skeptisch. „Ich war gerade im Jemen, als er gewählt wurde. Er hat auch in dieser Region großen Optimismus bewirkt. Aber er setzt in vielerlei Hinsicht die Politik seiner Vorgänger fort. Insgesamt glaube ich, dass die USA als Nation noch lange nicht mit 9/11 und seinen Auswirkungen zu Rande gekommen sind.“

Text: Bert Rebhandl

The Oath (Forum)
12.2., 16.30, CineStar 8
13.2., 14.00, Delphi
15.2., 19.30, CinemaxX 4
21.2., 15.00, Cubix 7

Zur Übersicht: Heute auf der Berlinale 

Mehr über Cookies erfahren